Montag, 1. Februar 2010
Am Montag, 1. Feb 2010 im Topic 'Musik'
Musikalische Offenbarungen sind in ihrer Häufigkeit vergleichbar mit der Bekanntschaft außergewöhnlicher Menschen. Die Welt ist voll mit grandioser Musik, die irgendwo unbeachtet vor sich hinexistiert, aber mein Budget und meine Zeit sind klein, und auch die Empfänglichkeit für große Musik läßt sich nicht bestellen. Also bin ich auf den Zufall angewiesen und stolpere ihr mit etwas Glück über den Weg. Mit der vorromantischen Zeit bin ich ziemlich gut vertraut und habe die auch sonst weitgehend systematisch abgegrast, wo es noch viel zu hören gibt, ist die gesamte Moderne. Ab 1900 wurde zum Teil absolut außergewöhnliche Musik komponiert.
Eine 'Offenbarung' ist das erste Anhören von Musik, die mit tief in mir verankerten Sehnsüchten höchste Ähnlichkeitsbeziehungen hat, um 'identisch' zu vermeiden, salopp gesagt: Musik, die mich beim ersten Anhören unhaut, weil sie einem Teil von mir Ausdruck verleiht, der in meinem Leben sonst keine Gelegenheit hat, zutage zu treten, weil er kein ihm entsprechendes, weltliches Objekt besitzt und die Welt deshalb nicht geeignet ist, ihn seinerseits in mir hervorzurufen. Das ist bislang drei oder vier Mal passiert und fühlt sich an wie eine Mischung aus Erwachen und Deja Vù, weil diese Musik Gefühlen Rechnung trägt, die einen seit Jahren treiben, obwohl man sie vielleicht immer nur halbbewusst erlebt hat, randseits oder im Hintergrund, wie eine verdrängte Schuld, ein unbemerktes Sichhingezogenfühlen oder ein Traum, den zu haben man vergessen hatte und dessen Erinnerung durch eine belanglose Assoziation mit einem Schlag wiederkehrt. Einen Treffer erkenne ich daran, daß die gerade entdeckte Musik mein Befinden in epischer Breite und Vollständigkeit vor mir ausrollt: nicht nur das momentane, sondern das von Monaten, Jahren, Lebensabschnitten. Und das entspricht in Teilen dem erlösenden, vielleicht katharsischen Effekt, den man erfährt, wenn man sein Inneres einem aufnahmefähigen Gegenüber mitteilt und sich in ihm gespiegelt sieht: einer hat kapiert, wie es dir wirklich geht, someone that gets me (in diesem Sinne hat Musik sogar eine soziale Ersatzfunktion, nur sind die Treffer eben so selten, daß diese Kompensation nie zuverlässige Routine werden kann).
Es ist wirklich so. Irgendwo da draussen schläft noch Musik auf vergessenen Klangträgern oder trudelt durch unverwandt fühlende Gehirne, die der Größe des Gehörten nicht oder nur unzureichend zugänglich sind, Musik, die ganz auf mich gemünzt ist - ganz, ganz wenig gibt es davon nur, und mein Verlangen hat sie soweit anthropomorphisiert, daß ich mir einbilde, sie warte darauf, von mir entdeckt zu werden. Was mich zur dreisten Auffassung narrt, an Musik zu glauben, die ganz auf mich gemünzt sei? Die leidliche Erfahrung, daß die Musik, die ich aus tiefem Herzen liebe, anderen fast nie gefällt.
Takte 101-104 - ich geh sterben, das ist beinahe eine neue Offenbarung; so schön, daß ich beim ersten Hören erstarrt bin, von allem abgelassen habe, was ich gerade machte, ich könnte mich jetzt noch darob auf den Boden werfen, wild strampeln und heulen (was ich nicht tue), weil das, was darin steckt, ewig nur Musik bleiben und niemals Teil meines Lebens sein wird. Ich meine das, was schon in Takt 100 vom Cello eingeleitet wird (man möchte den Cellisten umarmen für das ritardando) - was davor und danach kommt, habe ich drangelassen, damit man die Stelle minimal in den musikalischen Kontext betten kann. Wie erst die zweite Violine und dann die Bratsche die Phrase der ersten Violine nachzeichnen, das gibt mir den Rest.
Es ist nicht sofort strahlende Harmonie zu erwarten, ist moderne Klassik des 20. Jahrhunderts, komplexe Musik, die sich nicht beim ersten Hören erschliesst, ein gewisser Gewöhnungseffekt ist nötig; möglichst mehrmals anhören und auch versuchen, die einzelnen Instrumente zu verfolgen.
Und bitte nicht beim Anhören nur auf die Noten sehen. Noten und Musik sind wesentlich völlig verschieden, etwa vergleichbar mit einem Menschen, der träumt und einem Neurologen, der den Ausdruck eines PET-Scans betrachtet und darauf den Traum des Menschen zu entdecken hofft. Noten und Musik sind wesentlich so verschieden wie irgendwas.
Ich kann mich ja mal outen: ein großer Teil meiner (nicht aktiv investierten, mein Hirn macht das von selbst) Visualisierungen von klassischer Musik findet auf dem Hintergrund von Landschaften statt. Das mag zwei Gründe haben: zum Einen mit der tief ländlichen Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, direkt neben einem Ried. Man musste über unseren Gartenzaun steigen, ca. 80 Meter über eine Wiese mit hohem Gras laufen und war da. Während zu Hause Strenge und, damit verbunden, viel Selbstrestriktion herrschte, gab es im Freien keine äußeren Zwänge, wir gingen meistens alleine oder mit unseren Geschwistern. Das Ried, seine kilometerlangen Aneinanderreihungen von Sumpfwiesen, Schilfwäldern, klaren Bächen und Teppichen aus Buschwindröschen waren Freiräume zu tun und zu empfinden, was einem durch den Sinn ging (das klingt womöglich viel romantischer, als es war).
Zum Anderen bieten unter sämtlichen denkbaren Objekten, die mir spontan einfallen, Pflanzen, Bäume und geographische Objekte, mit allen Erosions- und Witterungskräften, die auf diese einwirken (ich will den versauten Begriff "Natur" vermeiden), jene Komplexität und Vielfalt an Farbabstufungen und Form, die Musik überhaupt gerecht werden kann. Es gibt systematische Zusammenhänge zwischen musikalischer Komplexität und den von ihr ausgelösten visuellen Repräsentationen und emotionalen Qualitäten. Komplexe Musik bewirkt diskretere visuelle Einzelheiten und löst allgemeine Emotionen in psychische Detailqualitäten auf. Musik ist immer auch Farben, Kontraste und Licht. Jedes Musikstück hat eine Farbpalette und eine Tages- bzw. Nachtzeit, und diese Farbpaletten sind selten so puristisch, in Farbe und Form so homogen wie menschengemachte Zivilisationsobjekte (irgendwelche!, von Kunstwerken einmal abgesehen), sie bestehen aus vielen feinen Abstufungen vieler verschiedener Farbtöne, die sich das ganze Stück über ändern, bewegen, ineinander übergehen, auseinander hervorgehen, umeinander winden, verenden und neu entstehen, genauso wie die Lichtverhältnisse, und interessanterweise löst sich diese Komplexität bei moderner, elektronischer Musik in reinere, deckende Spektralfarben auf; es gibt dort Stücke mit fast nur einer Farbe.
Ich habe eine halsstarrige Aversion gegen den Begriff "Subjektiv" im Zusammenhang mit der Wirkung von Musik auf Menschen. Vielleicht nur wegen dem unwahrscheinlichen Scheiss, den Menschen einem erzählen, wenn man sie fragt, was ein Musikstück in ihnen auslöst, wegen dem abwegigen Unsinn, den sie mit Musik in Zusammenhang zu bringen wagen, und der durch "subjektiv" pauschal gerechtfertigt wird. Ich hatte und habe fast immer das Gefühl, sie erzählen mir irgendwas, alles, nur nicht das, was tatsächlich dabei in ihnen vorgeht (und ich gebe durchaus zu, es ist gar nicht so einfach, das auf den Punkt zu bringen - oder überhaupt darauf Bezug zu nehmen) - häufigster Bezugspunkt sind Anker- und Verfügbarkeitsheuristiken, d.h. sie erzählen einem das, was ihnen jetzt gerade/vor ein paar Minuten/seit diesem Morgen im Kopf herumging und behaupten dann, das sei eine Wirkung der Musik, zum Teil mit einer Unbedarftheit, die sie für jeden offensichtlich als Idioten enttarnt. Heisst? Erzähl ihnen vor dieser Frage irgendeine phantasievolle Begebenheit voller abstrusem Unsinn, frag sie danach nach einer bestimmten Musik und was diese in ihnen auslöst. Was tun sie? Sie bedienen sich fleissig und ungehemmt des Materials aus der albernen Geschichte und sagen, das käme von der Musik. Hasengespräch.
Ich weiß nicht, warum das so ist oder wofür dieser Test Zeugnis ablegt: vielleicht nur dafür, daß das, was Musik in Menschen auslöst, etwas flüchtiges ist, etwas, das nach dem Hören schnell wieder in Vergessenheit gerät (und warum wäre das wiederum so? Weil die Repräsentation qualitativ nur schwach unterlegt ist und deshalb vom Hörenden als nicht wichtig genug bewertet wird, um erinnert zu werden. Denn wäre es seiner hohen Erlebnisqualität halber von Interesse, wäre das Bewusstsein an einer Wiedererkennung bzw. Reproduktionsroutinen interessiert). Aber spricht es nicht auch dafür, daß es sich bei jedem Hören neu verkleidet und anders daherkommt, und daß die Menschen gerade deshalb immer eine andere Geschichte vom Pferd erzählen, wenn man sie befragt? Nein, jedenfalls nicht zwangsläufig. Es spricht vor allem für eins: daß das musikalische Erlebnis genauso unmittelbar ist wie Emotionen und sich vielleicht gerade deswegen für viele der attentionalen Verfügbarkeit entzieht: und genau deshalb für die meisten Menschen etwas ist und bleibt, auf das sie nur über die Oberfläche seiner (in der Regel) visuellen Repräsentationen Bezug nehmen können, die reinweg der Phantasie und den Heuristiken entstammen: eine gewaltige Projektionsfläche, auf der praktisch alles denkbar und möglich ist, abhängig lediglich von den Wünschen und Sehnsüchten der Menschen und ihrer Fähigkeit, diese phantastisch umzusetzen. Nichtsdestotrotz: Unmittelbarkeit, d.h. die Unmöglichkeit, uns einer Sache gegenüberzustellen, weil wir selbst sie sind, schwächer ausgedrückt: weil der Untersuchungsgegenstand zu sehr mit uns selbst verzahnt ist, als daß wir uns ihm intentional gegenüberstellen könnten, bedeutet nicht automatisch, daß er keine festen Größen beinhaltet, keine unabänderlichen Merkmale, keine gesetzesmäßigen Prozesse, die bei jedem Menschen gleich sind. Es bedeutet lediglich, daß wir diese Merkmale nicht untersuchen können, weil wir uns nicht selber verobjektivieren können, und vielleicht ist für manchen hier Ende der Themenstange. Aus dieser epistemischen Barriere aber abzuleiten, daß eine Sache "irgendwie" beschaffen sei - unfassbar und unaufhellbar, immer nebulös, niemals konkret und aus überdauernden, unverrückbaren Eigenschaften zusammengesetzt - ist im Lichte ernstgemeinter Erkenntnissuche blanker Spiritismus, fröhliches Nebelkerzenschmeissen, sinnstiftender Glaube an wundersame, geisterhafte Wirkungen, die an unzugänglichen, versteckten Orten - den tieferen Bewusstseinsregionen von Menschen - spontan die Naturgesetze außer Kraft setzen können, wenn sie im "subjektiven" Feld ein heiteres Würfelspiel mit der Ordnung der Dinge treiben. Ausgerechnet das subjektive Chaos, dieses sich jeder analytischen Untersuchung per definitionem entziehende Wolkengebilde, soll für die mit am großartigsten psychischen Qualitäten verantwortlich zeichnen, die uns im Leben zur Verfügung stehen?
Ich meine: wollen wir die Beliebtheit und den Erfolg bestimmter klassischer Stücke aus der vorkommerziellen Zeit allen Ernstes dadurch erklären, daß sie in jedem etwas Beliebiges auslösen? Rachmaninows Klavierkonzerte, Beethovens Symphonien, Mozarts Sonaten, Schuberts Lieder, die Préludes von Skriabin und Debussy, Griegs Konzerte - wollen wir allen Ernstes behaupten, die nachhaltige Bedeutung und Beliebtheit dieser Werke bis in die Gegenwart speise sich daraus, daß sie in jedem Rezipienten etwas gänzlich Verschiedenes hervorrufen, ist das die kollektive Warte, von der aus wir diese Geschenke an die Menschheit bis heute bejubeln und zelebrieren? Was, wenn nicht eine unter der Oberfläche der Phänotypologie liegende, tiefere Entität, die in uns allen verpflanzt ist und von der Musik angerufen und erweckt wird, ist es, die den großen Werken unter Millionen von Menschen ihren Ruhm eingebracht hat - eine lustige kleine Zutat X, die gern Verstecken spielt und nie die gleiche Maske trägt? Das Ganze ist so lächerlich wie es bequem und ernsthaftem Wissensdrang gegenüber feige, nutzlos und selbstgerecht ist, der übliche Schwachfug, der rauskommt, wenn man einer zeitgeistigen Selbstverwirklichungsneurose wie dem westlichen Individualismus zuarbeitet: mit der Hervorhebung der Subjektivität ästhetischen Wahrnehmens wollen wir beschwören, wie großartig verschieden wir alle sind, welch zartfühlige Wunder sich da in unseren kostbaren inneren Weltchen abspielen, und was ist das Resultat dieser Altargänge? "Subjektiv" - eine idiotische Gleichmacherei ohne Sinn und Zweck, aber mit viel glättendem Konsenspotential, Häppchen-Religionsersatz für säkularisiertes, veraufgeklärtes Scheisspack (ulkigerweise überlistet sich der Individualismus in dieser ungewollten Gleichschaltung selbst: die Menschen sind nicht wahnsinnig unterschiedlich. Sie sind sich äußerst ähnlich, sie denken ähnlich, fühlen ähnlich und wollen alle im Wesentlichen dasselbe. Was sie eint, ihre Handlungen und Erwartungshaltungen bestimmt und als Menschen ausmacht, sind ihre angeborenen und erworbenen Gemeinsamkeiten, nicht die lächerlichen paar akzidentellen Kerben, die das Schicksal in sie gehauen hat). Na bravo: jetzt ist das musikalische Empfinden unser aller also ganz arg subjektiv. Damit kann keiner was anfangen, keiner in seinem Empfinden ernstgenommen werden und folglich niemand dem anderen was streitig machen, denn wenn das alles so schön subjektiv ist, ist niemandes Wahrnehmung besser oder schlechter als die eines anderen, und überhaupt: alles ist erlaubt.
Ich fühle mich von "subjektiv" - in Bezug auf Musik - maximal persönlich angegriffen, keine Ahnung warum. Vielleicht fühle ich mich durch den Begriff auch einfach meiner eigenen Empfindungen beraubt. Manch ein Idiot erzählt einem, wie er Bach hörend mit seiner Karosserie schöne Strecken abfährt, wie das Andante sich so wunderbar mit kurvigen Abschnitten deckt, wie also Musik eine Einheit mit einem Fahrgefühl eingeht, mit dem Rausche der Kinetik, den vorbeiziehenden Landschaften und dem Gefühl, mit dem Auto zu verschmelzen und es in gleicher Unmittelbarkeit zu kontrollieren wie den eigenen Körper. Bach und Autofahren? Wie wäre es mit Barock zum Bügeln, besser gleich zum Baden? Es ist ja nicht so, daß man beim Autofahren, Bügeln oder Baden keine Musik geniessen kann (ich ziehe für den Genuß Ruhe und Einsamkeit vor, was mehr damit zu tun hat, daß ich mich in Gegenwart der meisten Menschen nicht völlig gehenlassen kann) - der Kontext an sich ist hirnrissig, weil er bestimmte Situationen als für das Musikhören präferenziell darstellt, die mit Musik aber gar keinen besonderen Erlebnisbereich teilen. Dieselben Fuzzis, die glauben, Autofahrten und Bach gingen wundersame Verbindungen ein, sind die gleichen Idioten, deren Regale voller Sampler und Komprehensivliteratur sind, Überblicksammler und Dienaseinetwasreinstecker, die bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit so fachmännisch und partikulär daherschwätzen, als sei ihnen das Sujet mit der Nadel in den Uterus gespritzt worden, Leute, die musikalische Belesenheit demonstrieren und sich selbst in romantischen Gefühlsbildern wiedererkennen wollen. Gegen ein solches Wollen ist an sich nichts einzuwenden, wenn es nicht als bloßes Symptom Zeugnis dafür ablegen würde, daß ein Sein nicht vorhanden ist. Bach: das ist, wenn man überhaupt einen größeren Nenner basteln kann, der für die meisten Bachstücke steht, zurückhaltende Heiterkeit, Fleiß, Zuversicht und Glaube sowie Demut, in manchen Stücken Ehrfurcht. Ich gebe zu: natürlich kann man ein bestimmtes Musikstück per Konditionierung mit bestimmten Assoziationen in Verbindung bringen (was auch ganz stark auf mich zutrifft - Kindheit!). Das steht aber nicht im Widerspruch dazu, daß Musik feste Inhalte übermitteln kann, es besagt lediglich, daß diese Bedeutungen verhandelbar, d.h. von situativen Faktoren übertünchbar sind.
Ein weiterer Grund für die Aversion mag sein, daß ich aus lauter Entnervtheit über die musikalischen Introspektiven anderer Menschen vorziehe, es selber lieber gar nicht erst zu tun. Sie kommen mir mit ihrem Scheiss also quasi zuvor, und nachdem soviel Unsinn gefallen ist - wie könnte ich vermeiden, auszusehen wie sie? Alles, was ich zu Musik zu sagen habe, ist, daß sie schön ist, unaussprechlich und über alle Maße schön, so daß kein Wort ihr je Genüge tun könnte. - Das ist herzlich uninteressant und noch weniger aufschlussreich für mein Gegenüber und überhaupt für den Aufbau nachfolgender Kommunikation zutiefst ungeeignet und generell eigentlich eine höchst private, der Mitteilung unziemliche Sache. Ich bin einer dieser erbärmlichen Schwärmer, deren verbales Ausdrucksvermögen für musikalische Empfindungen bei "schön" stagniert, dort hört die nicht-lyrische Sprache schon auf, und dahinter beginnt gleich das Unaussprechliche. Sich abzugrenzen und selber kein Unterscheidungsmerkmal liefern zu können ist idiotisch, und die schiere Vorstellung, daß jemand - irgendwer, egal - mich mit solchen Leuten vergleicht, lässt mich schaudern.
Mir gefällt, wie zwanglos andere Leute über Musik schreiben. Ich würde das gern selber öfter tun, wenn solche Texte nicht immer gleich tief ins Labyrinth meines Mikrokosmos führen würden (ich bin einer dieser erbärmlichen introspektiven Sktrukturalisten, es bereitet mir Freude, mein Inneres mit lauter bunten Entitäten zu bevölkern, denen ich dann Gedanken und Gefühle zuordnen kann, auch wenn dabei nichts als Chaos und selten ein erkenntnisdienlicher Zusammenhang rauskommt). Es gibt eine ganze Reihe weiterer Gründe, die mich davon abhalten, am heftigsten dieser: Musik ist per se non-deskriptiv, das musikalische Erlebnis ist unteilbar. Jeder Text, jeder Buchstabe über Musik ist pupsiges Meta-Gelaber, dem Wesen des Gegenstands so fern wie irgendwas. Man kann nur über Musik und sein Verhältnis zu ihr schreiben, ich kann aber niemals Musik schriftlich wiedergeben, und das ist exakt, was ich eigentlich will, wenn ich Stücke wie oben wiedergebe: das, mein musikalisches Erlebnis teilen. Ich will nicht ein Stück Musik vorlegen und sagen: hey, hört euch das mal an, vielleicht gefällt es euch ja, ich möchte meinem qualitativen Gehalt dieses Stücks Ausdruck verleihen. Zwar und glücklicherweise hat man Wege erfunden, Musik digital zu codieren und somit anderen über Entfernungen zugänglich zu machen; was nichts daran ändert, daß ich mein individuelles Erleben eines Stücks nicht mitteilen kann. Und das treibt mich seit Jahren, nicht erst seit ich blogge, in eine Form latenter Verzweiflung, denn ich bin der festen Überzeugung: könnte ich anderen Menschen vermitteln, welche Erlebnisse, oder lassen wir es qualitative Gehalte sein, ich aus Musik beziehe - was einen Weg direkter mentaler Übertragung voraussetzt, also lachhaft ist - könnte ich Religionsstifter werden (was nicht mein Ziel ist), es ist jedenfalls meine bittere Überzeugung und Erfahrungsstatistik, daß die Mehrheit der Menschen dem qualitativen Potential musikalischen Erlebens nur mäßig bis gar nicht zugänglich ist, was ich in lässiger Arroganz als entsetzliche Insuffizienz unserer Spezies auf ihrem derzeitigen musikalisch-evolutionären Entwicklungsstand begreife.
Takte 235-236 - Hört man die Rückkehr zu vormals durchschrittenen Gründen heraus, das Wiedereinlenken in eingetragene Muster von Zweck, Mittel und Sinn, und den daraus gewonnenen, tiefen und bescheidenen Frieden? In 237-238 steckt die fleissige Demut und Hingabe, in der man durch genannte Muster und ihre praktische Tätigkeit aufgeht; und eine fast religiöse, naiv empfängliche Hoffung, daß all das auf immer weiterbestehen wird.
Takte 239-244 äußern Bedenken, stellen die Kontinuität des Glücks in 235-238 in Frage, mahnen zu Weitsicht und Wachheit im Angesicht der Vergänglichkeit.
Takte 245-248 tanzen und winden sich leidenschaftlich und trotzig aus diesen Zweifeln, klammern sich mit verbissenem Lebenshunger an das in 235-238 verhießene Glück, versuchen der Zeitlichkeit durch stete Bewegung und Bejahung allen heißen Blutes zu entkommen.
Takte 249-254 halten diesem Sturm wieder das Mahnmal der Zeitlichkeit entgegen, mahnen zur Einkehr, zum Abwägen zeitlicher Güter mit ewigen.
Takte 235-238 sind schon wundervoll, 239-244 ebenfalls, bei 245-254 dann kompletter Nervenverlust, ich geh flennen. Die Windung der Bratsche in Takt 238, wie kann jemand nicht davon berührt werden? Ich bin es gewohnt, in verständnislos lächelnde Gesichter zu sehen, wenn ich jemand solche Musik vorspiele - nicht zwangsläufig der Musik, eher meiner Aufregung wegen.
Mir ist es scheiss ernst damit. Es gibt niemand, mit dem ich meine - diese Musik teilen kann, ich bin allein damit. Es hat nie am entsprechenden Umfeld gemangelt - weder im generellen noch im spezifischen Sinne (Eltern und deren Liebe zur Musik sowie deren musikalisches Umfeld, meine Geschwister und deren eigene Liebe zur Musik, die Bonzenhochburg, unter der ich großgeworden bin und all die zur Musik gezwungenen Disziplinkinder darin... Bands, Schulfreunde, Musikschule, sprachlich-musischer Zug am Gymi, Musik-LK, Konzis, Wettbewerbe) aber niemand geht auf diese Stücke so ab wie ich. Nicht mal auf andere Musik als Debussy, Ravel und die ganzen unbekannten Komponisten, deren Namen noch nie jemand gehört hat und die nicht mal die scheiss Wikipedia ausspucken will.
Oder was heisst: niemand geht darauf so ab wie ich? Ich kann das natürlich nicht verifizieren, vielleicht genießt die Mehrheit der Menschen solche Musik viel verhaltener und stiller als ich, nichtsdestotrotz nicht weniger intensiv. Ich glaube das nicht. Was ich suche, ist jemand, den es auch so aus der Fassung bringt wie mich, und eben das ist mein Kriterium - eine Euphorie, so stark, daß man nicht an sich halten kann, eingenommen zu werden (so geil, die Amis mit ihrem "to get owned") von etwas, das jedes gewohnte Endorphinpotential sprengt - vielleicht nur, um mich darin zu spiegeln und/oder eine Seite an mir zu rechtfertigen, die mir in sozialer Hinsicht von Skepsis über Spott bis hin zu Verachtung eher negative Einschätzungen einbrachte: um die anderen von damals Lügen zu strafen.
Vielleicht bin ich nur ein fröhlich extrovertiertes, schöngeistiges kleines Südfrüchtchen, das sich ganz furchtbar gut in der Rolle des Überempfinders gefällt, der vor lauter Liebe zur Musik gar nicht anders kann, als behindert rumzuflippen - und dessen schlaues Kalkül darin besteht, seine wahnsinnige Ergriffenheit gerade durch das Moment der Unfreiwilligkeit beim Ausflippen am ehesten zum Ausdruck bringen zu können, als distinktes Merkmal musikalischer Befähigung.
Einem außenstehenden Beobachter, der mir diesen Vorwurf macht, hätte ich kein überzeugendes Gegenargument zu bieten. Liebe zu Musik ist nicht beweisbar, am allerwenigsten in einem Blog.
Vielleicht suche ich auch nur jemand, der mir bestätigt, daß das, was ich liebe, wirklich so großartig ist, wie es mir vorkommt, explizit: jemand, der daraus eine Sache macht, die nicht nur immer in meinem Kopf im Kreis stapft, sondern zu einer außerweltlichen, für mich greifbaren Angelegenheit, zu einem intersubjektivem Faktum. Ich bin nämlich wirklich alleine damit, und ich glaube wirklich (Jesus-Komplex), daß ich ein Heiligtum kenne, über das die Menschheit, wäre sie ihm zugänglich, komplett aus der Fassung geraten würde ("ich bin ein Medium/Überbringer"). Und wenn das Leben sowieso niemals so großartig sein wird wie Musik, hätte ich wenigstens gerne jemand, dem es ähnlich geht, ich bilde mir zumindest ein, daß dieser Umstand dann weniger schwer wiegen würde.
Ich hasse diese schlaffschultrige Bescheidenheit Klassik hörender Menschen, wenn sie Stücke beurteilen: dieses lächerlich renitente Ausgangsprinzip, bloß niemals einen Superlativ zu verwenden - als kompromittiere man automatisch seinen Maßstab, wenn man zeigt, daß man etwas bedingungslos liebt, und als sei es Ausdruck großen Geschmackes und breiter Kenntnis, selbst an der großartigsten Musik noch diesen und jenen Mangel festzustellen, das ganze störrische Ja schon, aber-Geschwucke, die Wahrheit ist: sie haben überhaupt keine Sicherheit im Urteil von Musik, weil die Musik in ihren hässlichen Seelchen keine hinreichende Resonanz findet, und dieses Ausbleiben von Gefühl glauben sie dadurch ausgleichen zu können, daß sie sich Manierismen überdifferenzierter Gelangweiltheit zulegen, die belegen sollen, was für Anspruchsgonzos sie sind, weil keine Musik es ihnen jemals recht machen könnte, ich hasse Euch alle, Ihr dreckigen kleinen möchtegernelitären Erbsenzähler und Eure seelenlose Bibliothekarskultiviertheit, beschissen wie Ihr seid VOTZENLECKER, denn es bleibt auf ewig Gesetz: das wertende Herumstochern und Sezieren im musikalischen Erlebnis ist die Dissoziation einer Singularität und damit deren Tod, denn das musikalische Erlebnis ist unmittelbar und unteilbar, und wer es mit derselben gewohnheitsmäßigen Gleichgültigkeit, mit der er seine Hemdärmel zurechtzupft, zum Bewertungsgegenstand macht und vergleicht, war nie dafür empfänglich und verliert jedes Recht, darüber zu urteilen.
Eine 'Offenbarung' ist das erste Anhören von Musik, die mit tief in mir verankerten Sehnsüchten höchste Ähnlichkeitsbeziehungen hat, um 'identisch' zu vermeiden, salopp gesagt: Musik, die mich beim ersten Anhören unhaut, weil sie einem Teil von mir Ausdruck verleiht, der in meinem Leben sonst keine Gelegenheit hat, zutage zu treten, weil er kein ihm entsprechendes, weltliches Objekt besitzt und die Welt deshalb nicht geeignet ist, ihn seinerseits in mir hervorzurufen. Das ist bislang drei oder vier Mal passiert und fühlt sich an wie eine Mischung aus Erwachen und Deja Vù, weil diese Musik Gefühlen Rechnung trägt, die einen seit Jahren treiben, obwohl man sie vielleicht immer nur halbbewusst erlebt hat, randseits oder im Hintergrund, wie eine verdrängte Schuld, ein unbemerktes Sichhingezogenfühlen oder ein Traum, den zu haben man vergessen hatte und dessen Erinnerung durch eine belanglose Assoziation mit einem Schlag wiederkehrt. Einen Treffer erkenne ich daran, daß die gerade entdeckte Musik mein Befinden in epischer Breite und Vollständigkeit vor mir ausrollt: nicht nur das momentane, sondern das von Monaten, Jahren, Lebensabschnitten. Und das entspricht in Teilen dem erlösenden, vielleicht katharsischen Effekt, den man erfährt, wenn man sein Inneres einem aufnahmefähigen Gegenüber mitteilt und sich in ihm gespiegelt sieht: einer hat kapiert, wie es dir wirklich geht, someone that gets me (in diesem Sinne hat Musik sogar eine soziale Ersatzfunktion, nur sind die Treffer eben so selten, daß diese Kompensation nie zuverlässige Routine werden kann).
Es ist wirklich so. Irgendwo da draussen schläft noch Musik auf vergessenen Klangträgern oder trudelt durch unverwandt fühlende Gehirne, die der Größe des Gehörten nicht oder nur unzureichend zugänglich sind, Musik, die ganz auf mich gemünzt ist - ganz, ganz wenig gibt es davon nur, und mein Verlangen hat sie soweit anthropomorphisiert, daß ich mir einbilde, sie warte darauf, von mir entdeckt zu werden. Was mich zur dreisten Auffassung narrt, an Musik zu glauben, die ganz auf mich gemünzt sei? Die leidliche Erfahrung, daß die Musik, die ich aus tiefem Herzen liebe, anderen fast nie gefällt.
Takte 101-104 - ich geh sterben, das ist beinahe eine neue Offenbarung; so schön, daß ich beim ersten Hören erstarrt bin, von allem abgelassen habe, was ich gerade machte, ich könnte mich jetzt noch darob auf den Boden werfen, wild strampeln und heulen (was ich nicht tue), weil das, was darin steckt, ewig nur Musik bleiben und niemals Teil meines Lebens sein wird. Ich meine das, was schon in Takt 100 vom Cello eingeleitet wird (man möchte den Cellisten umarmen für das ritardando) - was davor und danach kommt, habe ich drangelassen, damit man die Stelle minimal in den musikalischen Kontext betten kann. Wie erst die zweite Violine und dann die Bratsche die Phrase der ersten Violine nachzeichnen, das gibt mir den Rest.
Es ist nicht sofort strahlende Harmonie zu erwarten, ist moderne Klassik des 20. Jahrhunderts, komplexe Musik, die sich nicht beim ersten Hören erschliesst, ein gewisser Gewöhnungseffekt ist nötig; möglichst mehrmals anhören und auch versuchen, die einzelnen Instrumente zu verfolgen.
Und bitte nicht beim Anhören nur auf die Noten sehen. Noten und Musik sind wesentlich völlig verschieden, etwa vergleichbar mit einem Menschen, der träumt und einem Neurologen, der den Ausdruck eines PET-Scans betrachtet und darauf den Traum des Menschen zu entdecken hofft. Noten und Musik sind wesentlich so verschieden wie irgendwas.
Ich kann mich ja mal outen: ein großer Teil meiner (nicht aktiv investierten, mein Hirn macht das von selbst) Visualisierungen von klassischer Musik findet auf dem Hintergrund von Landschaften statt. Das mag zwei Gründe haben: zum Einen mit der tief ländlichen Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, direkt neben einem Ried. Man musste über unseren Gartenzaun steigen, ca. 80 Meter über eine Wiese mit hohem Gras laufen und war da. Während zu Hause Strenge und, damit verbunden, viel Selbstrestriktion herrschte, gab es im Freien keine äußeren Zwänge, wir gingen meistens alleine oder mit unseren Geschwistern. Das Ried, seine kilometerlangen Aneinanderreihungen von Sumpfwiesen, Schilfwäldern, klaren Bächen und Teppichen aus Buschwindröschen waren Freiräume zu tun und zu empfinden, was einem durch den Sinn ging (das klingt womöglich viel romantischer, als es war).
Zum Anderen bieten unter sämtlichen denkbaren Objekten, die mir spontan einfallen, Pflanzen, Bäume und geographische Objekte, mit allen Erosions- und Witterungskräften, die auf diese einwirken (ich will den versauten Begriff "Natur" vermeiden), jene Komplexität und Vielfalt an Farbabstufungen und Form, die Musik überhaupt gerecht werden kann. Es gibt systematische Zusammenhänge zwischen musikalischer Komplexität und den von ihr ausgelösten visuellen Repräsentationen und emotionalen Qualitäten. Komplexe Musik bewirkt diskretere visuelle Einzelheiten und löst allgemeine Emotionen in psychische Detailqualitäten auf. Musik ist immer auch Farben, Kontraste und Licht. Jedes Musikstück hat eine Farbpalette und eine Tages- bzw. Nachtzeit, und diese Farbpaletten sind selten so puristisch, in Farbe und Form so homogen wie menschengemachte Zivilisationsobjekte (irgendwelche!, von Kunstwerken einmal abgesehen), sie bestehen aus vielen feinen Abstufungen vieler verschiedener Farbtöne, die sich das ganze Stück über ändern, bewegen, ineinander übergehen, auseinander hervorgehen, umeinander winden, verenden und neu entstehen, genauso wie die Lichtverhältnisse, und interessanterweise löst sich diese Komplexität bei moderner, elektronischer Musik in reinere, deckende Spektralfarben auf; es gibt dort Stücke mit fast nur einer Farbe.
Ich habe eine halsstarrige Aversion gegen den Begriff "Subjektiv" im Zusammenhang mit der Wirkung von Musik auf Menschen. Vielleicht nur wegen dem unwahrscheinlichen Scheiss, den Menschen einem erzählen, wenn man sie fragt, was ein Musikstück in ihnen auslöst, wegen dem abwegigen Unsinn, den sie mit Musik in Zusammenhang zu bringen wagen, und der durch "subjektiv" pauschal gerechtfertigt wird. Ich hatte und habe fast immer das Gefühl, sie erzählen mir irgendwas, alles, nur nicht das, was tatsächlich dabei in ihnen vorgeht (und ich gebe durchaus zu, es ist gar nicht so einfach, das auf den Punkt zu bringen - oder überhaupt darauf Bezug zu nehmen) - häufigster Bezugspunkt sind Anker- und Verfügbarkeitsheuristiken, d.h. sie erzählen einem das, was ihnen jetzt gerade/vor ein paar Minuten/seit diesem Morgen im Kopf herumging und behaupten dann, das sei eine Wirkung der Musik, zum Teil mit einer Unbedarftheit, die sie für jeden offensichtlich als Idioten enttarnt. Heisst? Erzähl ihnen vor dieser Frage irgendeine phantasievolle Begebenheit voller abstrusem Unsinn, frag sie danach nach einer bestimmten Musik und was diese in ihnen auslöst. Was tun sie? Sie bedienen sich fleissig und ungehemmt des Materials aus der albernen Geschichte und sagen, das käme von der Musik. Hasengespräch.
Ich weiß nicht, warum das so ist oder wofür dieser Test Zeugnis ablegt: vielleicht nur dafür, daß das, was Musik in Menschen auslöst, etwas flüchtiges ist, etwas, das nach dem Hören schnell wieder in Vergessenheit gerät (und warum wäre das wiederum so? Weil die Repräsentation qualitativ nur schwach unterlegt ist und deshalb vom Hörenden als nicht wichtig genug bewertet wird, um erinnert zu werden. Denn wäre es seiner hohen Erlebnisqualität halber von Interesse, wäre das Bewusstsein an einer Wiedererkennung bzw. Reproduktionsroutinen interessiert). Aber spricht es nicht auch dafür, daß es sich bei jedem Hören neu verkleidet und anders daherkommt, und daß die Menschen gerade deshalb immer eine andere Geschichte vom Pferd erzählen, wenn man sie befragt? Nein, jedenfalls nicht zwangsläufig. Es spricht vor allem für eins: daß das musikalische Erlebnis genauso unmittelbar ist wie Emotionen und sich vielleicht gerade deswegen für viele der attentionalen Verfügbarkeit entzieht: und genau deshalb für die meisten Menschen etwas ist und bleibt, auf das sie nur über die Oberfläche seiner (in der Regel) visuellen Repräsentationen Bezug nehmen können, die reinweg der Phantasie und den Heuristiken entstammen: eine gewaltige Projektionsfläche, auf der praktisch alles denkbar und möglich ist, abhängig lediglich von den Wünschen und Sehnsüchten der Menschen und ihrer Fähigkeit, diese phantastisch umzusetzen. Nichtsdestotrotz: Unmittelbarkeit, d.h. die Unmöglichkeit, uns einer Sache gegenüberzustellen, weil wir selbst sie sind, schwächer ausgedrückt: weil der Untersuchungsgegenstand zu sehr mit uns selbst verzahnt ist, als daß wir uns ihm intentional gegenüberstellen könnten, bedeutet nicht automatisch, daß er keine festen Größen beinhaltet, keine unabänderlichen Merkmale, keine gesetzesmäßigen Prozesse, die bei jedem Menschen gleich sind. Es bedeutet lediglich, daß wir diese Merkmale nicht untersuchen können, weil wir uns nicht selber verobjektivieren können, und vielleicht ist für manchen hier Ende der Themenstange. Aus dieser epistemischen Barriere aber abzuleiten, daß eine Sache "irgendwie" beschaffen sei - unfassbar und unaufhellbar, immer nebulös, niemals konkret und aus überdauernden, unverrückbaren Eigenschaften zusammengesetzt - ist im Lichte ernstgemeinter Erkenntnissuche blanker Spiritismus, fröhliches Nebelkerzenschmeissen, sinnstiftender Glaube an wundersame, geisterhafte Wirkungen, die an unzugänglichen, versteckten Orten - den tieferen Bewusstseinsregionen von Menschen - spontan die Naturgesetze außer Kraft setzen können, wenn sie im "subjektiven" Feld ein heiteres Würfelspiel mit der Ordnung der Dinge treiben. Ausgerechnet das subjektive Chaos, dieses sich jeder analytischen Untersuchung per definitionem entziehende Wolkengebilde, soll für die mit am großartigsten psychischen Qualitäten verantwortlich zeichnen, die uns im Leben zur Verfügung stehen?
Ich meine: wollen wir die Beliebtheit und den Erfolg bestimmter klassischer Stücke aus der vorkommerziellen Zeit allen Ernstes dadurch erklären, daß sie in jedem etwas Beliebiges auslösen? Rachmaninows Klavierkonzerte, Beethovens Symphonien, Mozarts Sonaten, Schuberts Lieder, die Préludes von Skriabin und Debussy, Griegs Konzerte - wollen wir allen Ernstes behaupten, die nachhaltige Bedeutung und Beliebtheit dieser Werke bis in die Gegenwart speise sich daraus, daß sie in jedem Rezipienten etwas gänzlich Verschiedenes hervorrufen, ist das die kollektive Warte, von der aus wir diese Geschenke an die Menschheit bis heute bejubeln und zelebrieren? Was, wenn nicht eine unter der Oberfläche der Phänotypologie liegende, tiefere Entität, die in uns allen verpflanzt ist und von der Musik angerufen und erweckt wird, ist es, die den großen Werken unter Millionen von Menschen ihren Ruhm eingebracht hat - eine lustige kleine Zutat X, die gern Verstecken spielt und nie die gleiche Maske trägt? Das Ganze ist so lächerlich wie es bequem und ernsthaftem Wissensdrang gegenüber feige, nutzlos und selbstgerecht ist, der übliche Schwachfug, der rauskommt, wenn man einer zeitgeistigen Selbstverwirklichungsneurose wie dem westlichen Individualismus zuarbeitet: mit der Hervorhebung der Subjektivität ästhetischen Wahrnehmens wollen wir beschwören, wie großartig verschieden wir alle sind, welch zartfühlige Wunder sich da in unseren kostbaren inneren Weltchen abspielen, und was ist das Resultat dieser Altargänge? "Subjektiv" - eine idiotische Gleichmacherei ohne Sinn und Zweck, aber mit viel glättendem Konsenspotential, Häppchen-Religionsersatz für säkularisiertes, veraufgeklärtes Scheisspack (ulkigerweise überlistet sich der Individualismus in dieser ungewollten Gleichschaltung selbst: die Menschen sind nicht wahnsinnig unterschiedlich. Sie sind sich äußerst ähnlich, sie denken ähnlich, fühlen ähnlich und wollen alle im Wesentlichen dasselbe. Was sie eint, ihre Handlungen und Erwartungshaltungen bestimmt und als Menschen ausmacht, sind ihre angeborenen und erworbenen Gemeinsamkeiten, nicht die lächerlichen paar akzidentellen Kerben, die das Schicksal in sie gehauen hat). Na bravo: jetzt ist das musikalische Empfinden unser aller also ganz arg subjektiv. Damit kann keiner was anfangen, keiner in seinem Empfinden ernstgenommen werden und folglich niemand dem anderen was streitig machen, denn wenn das alles so schön subjektiv ist, ist niemandes Wahrnehmung besser oder schlechter als die eines anderen, und überhaupt: alles ist erlaubt.
Ich fühle mich von "subjektiv" - in Bezug auf Musik - maximal persönlich angegriffen, keine Ahnung warum. Vielleicht fühle ich mich durch den Begriff auch einfach meiner eigenen Empfindungen beraubt. Manch ein Idiot erzählt einem, wie er Bach hörend mit seiner Karosserie schöne Strecken abfährt, wie das Andante sich so wunderbar mit kurvigen Abschnitten deckt, wie also Musik eine Einheit mit einem Fahrgefühl eingeht, mit dem Rausche der Kinetik, den vorbeiziehenden Landschaften und dem Gefühl, mit dem Auto zu verschmelzen und es in gleicher Unmittelbarkeit zu kontrollieren wie den eigenen Körper. Bach und Autofahren? Wie wäre es mit Barock zum Bügeln, besser gleich zum Baden? Es ist ja nicht so, daß man beim Autofahren, Bügeln oder Baden keine Musik geniessen kann (ich ziehe für den Genuß Ruhe und Einsamkeit vor, was mehr damit zu tun hat, daß ich mich in Gegenwart der meisten Menschen nicht völlig gehenlassen kann) - der Kontext an sich ist hirnrissig, weil er bestimmte Situationen als für das Musikhören präferenziell darstellt, die mit Musik aber gar keinen besonderen Erlebnisbereich teilen. Dieselben Fuzzis, die glauben, Autofahrten und Bach gingen wundersame Verbindungen ein, sind die gleichen Idioten, deren Regale voller Sampler und Komprehensivliteratur sind, Überblicksammler und Dienaseinetwasreinstecker, die bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit so fachmännisch und partikulär daherschwätzen, als sei ihnen das Sujet mit der Nadel in den Uterus gespritzt worden, Leute, die musikalische Belesenheit demonstrieren und sich selbst in romantischen Gefühlsbildern wiedererkennen wollen. Gegen ein solches Wollen ist an sich nichts einzuwenden, wenn es nicht als bloßes Symptom Zeugnis dafür ablegen würde, daß ein Sein nicht vorhanden ist. Bach: das ist, wenn man überhaupt einen größeren Nenner basteln kann, der für die meisten Bachstücke steht, zurückhaltende Heiterkeit, Fleiß, Zuversicht und Glaube sowie Demut, in manchen Stücken Ehrfurcht. Ich gebe zu: natürlich kann man ein bestimmtes Musikstück per Konditionierung mit bestimmten Assoziationen in Verbindung bringen (was auch ganz stark auf mich zutrifft - Kindheit!). Das steht aber nicht im Widerspruch dazu, daß Musik feste Inhalte übermitteln kann, es besagt lediglich, daß diese Bedeutungen verhandelbar, d.h. von situativen Faktoren übertünchbar sind.
Ein weiterer Grund für die Aversion mag sein, daß ich aus lauter Entnervtheit über die musikalischen Introspektiven anderer Menschen vorziehe, es selber lieber gar nicht erst zu tun. Sie kommen mir mit ihrem Scheiss also quasi zuvor, und nachdem soviel Unsinn gefallen ist - wie könnte ich vermeiden, auszusehen wie sie? Alles, was ich zu Musik zu sagen habe, ist, daß sie schön ist, unaussprechlich und über alle Maße schön, so daß kein Wort ihr je Genüge tun könnte. - Das ist herzlich uninteressant und noch weniger aufschlussreich für mein Gegenüber und überhaupt für den Aufbau nachfolgender Kommunikation zutiefst ungeeignet und generell eigentlich eine höchst private, der Mitteilung unziemliche Sache. Ich bin einer dieser erbärmlichen Schwärmer, deren verbales Ausdrucksvermögen für musikalische Empfindungen bei "schön" stagniert, dort hört die nicht-lyrische Sprache schon auf, und dahinter beginnt gleich das Unaussprechliche. Sich abzugrenzen und selber kein Unterscheidungsmerkmal liefern zu können ist idiotisch, und die schiere Vorstellung, daß jemand - irgendwer, egal - mich mit solchen Leuten vergleicht, lässt mich schaudern.
Mir gefällt, wie zwanglos andere Leute über Musik schreiben. Ich würde das gern selber öfter tun, wenn solche Texte nicht immer gleich tief ins Labyrinth meines Mikrokosmos führen würden (ich bin einer dieser erbärmlichen introspektiven Sktrukturalisten, es bereitet mir Freude, mein Inneres mit lauter bunten Entitäten zu bevölkern, denen ich dann Gedanken und Gefühle zuordnen kann, auch wenn dabei nichts als Chaos und selten ein erkenntnisdienlicher Zusammenhang rauskommt). Es gibt eine ganze Reihe weiterer Gründe, die mich davon abhalten, am heftigsten dieser: Musik ist per se non-deskriptiv, das musikalische Erlebnis ist unteilbar. Jeder Text, jeder Buchstabe über Musik ist pupsiges Meta-Gelaber, dem Wesen des Gegenstands so fern wie irgendwas. Man kann nur über Musik und sein Verhältnis zu ihr schreiben, ich kann aber niemals Musik schriftlich wiedergeben, und das ist exakt, was ich eigentlich will, wenn ich Stücke wie oben wiedergebe: das, mein musikalisches Erlebnis teilen. Ich will nicht ein Stück Musik vorlegen und sagen: hey, hört euch das mal an, vielleicht gefällt es euch ja, ich möchte meinem qualitativen Gehalt dieses Stücks Ausdruck verleihen. Zwar und glücklicherweise hat man Wege erfunden, Musik digital zu codieren und somit anderen über Entfernungen zugänglich zu machen; was nichts daran ändert, daß ich mein individuelles Erleben eines Stücks nicht mitteilen kann. Und das treibt mich seit Jahren, nicht erst seit ich blogge, in eine Form latenter Verzweiflung, denn ich bin der festen Überzeugung: könnte ich anderen Menschen vermitteln, welche Erlebnisse, oder lassen wir es qualitative Gehalte sein, ich aus Musik beziehe - was einen Weg direkter mentaler Übertragung voraussetzt, also lachhaft ist - könnte ich Religionsstifter werden (was nicht mein Ziel ist), es ist jedenfalls meine bittere Überzeugung und Erfahrungsstatistik, daß die Mehrheit der Menschen dem qualitativen Potential musikalischen Erlebens nur mäßig bis gar nicht zugänglich ist, was ich in lässiger Arroganz als entsetzliche Insuffizienz unserer Spezies auf ihrem derzeitigen musikalisch-evolutionären Entwicklungsstand begreife.
Takte 235-236 - Hört man die Rückkehr zu vormals durchschrittenen Gründen heraus, das Wiedereinlenken in eingetragene Muster von Zweck, Mittel und Sinn, und den daraus gewonnenen, tiefen und bescheidenen Frieden? In 237-238 steckt die fleissige Demut und Hingabe, in der man durch genannte Muster und ihre praktische Tätigkeit aufgeht; und eine fast religiöse, naiv empfängliche Hoffung, daß all das auf immer weiterbestehen wird.
Takte 239-244 äußern Bedenken, stellen die Kontinuität des Glücks in 235-238 in Frage, mahnen zu Weitsicht und Wachheit im Angesicht der Vergänglichkeit.
Takte 245-248 tanzen und winden sich leidenschaftlich und trotzig aus diesen Zweifeln, klammern sich mit verbissenem Lebenshunger an das in 235-238 verhießene Glück, versuchen der Zeitlichkeit durch stete Bewegung und Bejahung allen heißen Blutes zu entkommen.
Takte 249-254 halten diesem Sturm wieder das Mahnmal der Zeitlichkeit entgegen, mahnen zur Einkehr, zum Abwägen zeitlicher Güter mit ewigen.
Takte 235-238 sind schon wundervoll, 239-244 ebenfalls, bei 245-254 dann kompletter Nervenverlust, ich geh flennen. Die Windung der Bratsche in Takt 238, wie kann jemand nicht davon berührt werden? Ich bin es gewohnt, in verständnislos lächelnde Gesichter zu sehen, wenn ich jemand solche Musik vorspiele - nicht zwangsläufig der Musik, eher meiner Aufregung wegen.
Mir ist es scheiss ernst damit. Es gibt niemand, mit dem ich meine - diese Musik teilen kann, ich bin allein damit. Es hat nie am entsprechenden Umfeld gemangelt - weder im generellen noch im spezifischen Sinne (Eltern und deren Liebe zur Musik sowie deren musikalisches Umfeld, meine Geschwister und deren eigene Liebe zur Musik, die Bonzenhochburg, unter der ich großgeworden bin und all die zur Musik gezwungenen Disziplinkinder darin... Bands, Schulfreunde, Musikschule, sprachlich-musischer Zug am Gymi, Musik-LK, Konzis, Wettbewerbe) aber niemand geht auf diese Stücke so ab wie ich. Nicht mal auf andere Musik als Debussy, Ravel und die ganzen unbekannten Komponisten, deren Namen noch nie jemand gehört hat und die nicht mal die scheiss Wikipedia ausspucken will.
Oder was heisst: niemand geht darauf so ab wie ich? Ich kann das natürlich nicht verifizieren, vielleicht genießt die Mehrheit der Menschen solche Musik viel verhaltener und stiller als ich, nichtsdestotrotz nicht weniger intensiv. Ich glaube das nicht. Was ich suche, ist jemand, den es auch so aus der Fassung bringt wie mich, und eben das ist mein Kriterium - eine Euphorie, so stark, daß man nicht an sich halten kann, eingenommen zu werden (so geil, die Amis mit ihrem "to get owned") von etwas, das jedes gewohnte Endorphinpotential sprengt - vielleicht nur, um mich darin zu spiegeln und/oder eine Seite an mir zu rechtfertigen, die mir in sozialer Hinsicht von Skepsis über Spott bis hin zu Verachtung eher negative Einschätzungen einbrachte: um die anderen von damals Lügen zu strafen.
Vielleicht bin ich nur ein fröhlich extrovertiertes, schöngeistiges kleines Südfrüchtchen, das sich ganz furchtbar gut in der Rolle des Überempfinders gefällt, der vor lauter Liebe zur Musik gar nicht anders kann, als behindert rumzuflippen - und dessen schlaues Kalkül darin besteht, seine wahnsinnige Ergriffenheit gerade durch das Moment der Unfreiwilligkeit beim Ausflippen am ehesten zum Ausdruck bringen zu können, als distinktes Merkmal musikalischer Befähigung.
Einem außenstehenden Beobachter, der mir diesen Vorwurf macht, hätte ich kein überzeugendes Gegenargument zu bieten. Liebe zu Musik ist nicht beweisbar, am allerwenigsten in einem Blog.
Vielleicht suche ich auch nur jemand, der mir bestätigt, daß das, was ich liebe, wirklich so großartig ist, wie es mir vorkommt, explizit: jemand, der daraus eine Sache macht, die nicht nur immer in meinem Kopf im Kreis stapft, sondern zu einer außerweltlichen, für mich greifbaren Angelegenheit, zu einem intersubjektivem Faktum. Ich bin nämlich wirklich alleine damit, und ich glaube wirklich (Jesus-Komplex), daß ich ein Heiligtum kenne, über das die Menschheit, wäre sie ihm zugänglich, komplett aus der Fassung geraten würde ("ich bin ein Medium/Überbringer"). Und wenn das Leben sowieso niemals so großartig sein wird wie Musik, hätte ich wenigstens gerne jemand, dem es ähnlich geht, ich bilde mir zumindest ein, daß dieser Umstand dann weniger schwer wiegen würde.
Ich hasse diese schlaffschultrige Bescheidenheit Klassik hörender Menschen, wenn sie Stücke beurteilen: dieses lächerlich renitente Ausgangsprinzip, bloß niemals einen Superlativ zu verwenden - als kompromittiere man automatisch seinen Maßstab, wenn man zeigt, daß man etwas bedingungslos liebt, und als sei es Ausdruck großen Geschmackes und breiter Kenntnis, selbst an der großartigsten Musik noch diesen und jenen Mangel festzustellen, das ganze störrische Ja schon, aber-Geschwucke, die Wahrheit ist: sie haben überhaupt keine Sicherheit im Urteil von Musik, weil die Musik in ihren hässlichen Seelchen keine hinreichende Resonanz findet, und dieses Ausbleiben von Gefühl glauben sie dadurch ausgleichen zu können, daß sie sich Manierismen überdifferenzierter Gelangweiltheit zulegen, die belegen sollen, was für Anspruchsgonzos sie sind, weil keine Musik es ihnen jemals recht machen könnte, ich hasse Euch alle, Ihr dreckigen kleinen möchtegernelitären Erbsenzähler und Eure seelenlose Bibliothekarskultiviertheit, beschissen wie Ihr seid VOTZENLECKER, denn es bleibt auf ewig Gesetz: das wertende Herumstochern und Sezieren im musikalischen Erlebnis ist die Dissoziation einer Singularität und damit deren Tod, denn das musikalische Erlebnis ist unmittelbar und unteilbar, und wer es mit derselben gewohnheitsmäßigen Gleichgültigkeit, mit der er seine Hemdärmel zurechtzupft, zum Bewertungsgegenstand macht und vergleicht, war nie dafür empfänglich und verliert jedes Recht, darüber zu urteilen.
Dienstag, 26. Januar 2010
Traum 22
Am Dienstag, 26. Jan 2010 im Topic 'Traum'



***
Parallelen zu hier.
Meine Schwester sagt nur noch "Du Schwein, schämst du dich nicht", wenn ich ihr sowas erzähle.
Freitag, 22. Januar 2010
Am Freitag, 22. Jan 2010 im Topic 'Traum'

Abrupte Entrückung
aller Innigkeit entrissen
wird nur die Kälte gewahr
als nach dem Augenaufschlag der Blick
sich an nackte Oberflächen heftet
und das Empfinden in unverwandte Ferne entschwindet
Ehern verriegelt die Pforten zum mysterium tremendum
davor der Verstand kauert
und seinem unnützen Jonglierspiel
nach Sinn und Gestalt nachgeht.
Nicht sein schablonenhafter Eigensinn
nicht banges Wühlen des Herzens
hinter erstarrtem Traumbruchwerk
nach dem Puls des Erlebten
und sei es nur dessen kümmerliches Vermächtnis
nichts vermag die Sehnsucht nun zu lindern
nach Rückkehr in die verlorene Ganzheit.

Unpäßlicher Gleichmut und nomadische Abwesenheit
ächten den grellen Äther des Tages
und wähnen der übermächtigen Entgrenzung nach
im schweren Halblicht verwinkelter Altane
und Nischen des schlaftrunkenen Gemüts
blind jeder Stätte zwar
aber in verliebter Andacht
demütig wie zum Gebet
das Numen wieder anzutreffen
unfasslich im inneren Nirgendwo

Unbesehen vorüber gleitet aller Welttumult.
Schritte und Pflicht
drängen die Sinne ins Diesseits
mahnen zur Kräftebündelung
um Zwecke zu erfüllen.
Entlang eines Stroms
bannt den Blick
der Reigen der Wellen
wo im Taumel funkelnder Lichtschauer
das gestaltlose Ineinander
den Wehen der erloschenen Nachtglut
duldsam zuspricht.

Donnerstag, 14. Januar 2010
Aus menschlichen Gründen
Am Donnerstag, 14. Jan 2010
"Die Bundesregierung wird alles, was möglich ist, tun, um jetzt den Menschen in Haiti beizustehen und zu helfen. Und deswegen haben wir heute morgen bereits veranlasst, dass eine Soforthilfe von eine Million Euro aus menschlichen Gründen zur Verfügung gestellt wird."
An der Dämlichkeit ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen. Ach Guido, hättest du das mit dem Außenministerposten mal bloß gelassen.
Eine Million kredenzt die Regierung, 1 Million für viele Tausend Verletzte, das ist echt beeindruckend. Der THW? Der hat erst mal ein vierköpfiges Erdkundungsteam vorausgeschickt. Weil da ja überall Schutt rumliegt und so, und man weiß jetzt nicht genau, ob und wie man da mit Gerät zwischen dem Schutt durchkommt und ob Hilfe da überhaupt sinnvoll wäre. Klar, wenn tausende Verletzte auf Straßen und unter Trümmern liegen, da muss man schon erst mal prüfen, ob man helfen kann – und selbstverständlich selber dahinfliegen, was leider seine Zeit braucht. Wahrscheinlich haben die Meterstäbe dabei zum Ausmessen. Im ZDF hören wir solange, daß die wenigen in Haiti verfügbaren Bagger sich alle im Regierungsviertel betätigen. Hihihi! Die einzigen, die wie üblich direkt am Volk sind, die denen helfen, die ihnen der Zufall vorbeischickt, sind die Médecins sans frontières und andere unabhängige Organisationen.
Die Wahrheit ist: keine Sau interessiert sich für Haiti. Zu schwarz, zu arm, wirtschaftlich uninteressant, keine Zukunftsaussichten. Unsere liebe Regierung hofft, daß das Medienspektakel möglichst bald vorbei ist und daß währenddessen nicht zu breit über das Drama berichtet wird, damit niemand auf die Idee kommt, mehr Einsatz zu fordern. Wichtig ist jetzt: so tun, als fühle man sich gefordert und das maximal ausbeuten ("aus menschlichen Gründen". Depp), aber nicht das ganze Kontingent gleich rausrücken, spätere Forderungen könnten größer werden, und sieht es nicht überhaupt viel besser aus, wenn man – ganz unabhängig von der Summe – mehrmals spendet? Den Medien freilich macht das Berichten grade viel Spaß. Tote und Verletzte sind nicht photogen, aber für den noch lebendigen Zuschauer sozusagen das Maximum an Beweis, daß es ihm besser geht als anderen und verleihen vorübergehend dieses Inselgefühl, im Wohlstand zu leben, umgeben von persistentem Schrecken (vom dem man sich aber nicht betroffen zu fühlen braucht, weil die kausale Kette vom Wohlstandsstaat zum Dritte Welt-Land nicht überschaubar ist. Und das will schließlich jeder spüren, Gegensätze ohne Mitverantwortung machen das Leben lebenswert). Nicht zu vergessen der Sensationswert, Haitianer kann man blutüberströmt, auf der Straße liegend oder unter Trümmern eingeklemmt und um Hilfe schreiend ablichten, die haben schließlich ganz andere Sorgen, als ihre Persönlichkeitsrechte einzuklagen. Ist es nicht so? Laß einen ICE verunglücken, kaum ein Blatt wird es wagen, blutverkrustete Gesichter verletzter Opfer zu veröffentlichen. Menschen in Südamerika, Asien oder meinetwegen Haiti, die darf man beim Leiden und Beinahekrepieren photographieren. Außerdem sind das eh nur blöde Neger, von denen einer wie der andere aussieht, Kollektivvieh, und von denen gibt’s viel zu viele. Bei Katrina war unsere liebe Regierung viel schneller bei der Hand. Die Betroffenen waren zwar auch überwiegend nur Zulus, aber immerhin: Amerikaner. Da sollte man nicht zaghaft sein.
Irgendwann mache ich das. Irgendwann erstelle ich die Liste der unterschiedlichen Menschenwerte, gemessen daran, welcher mediale Aufwand für einen Menschen bestimmter Hautfarbe, Natonalität und Religion betrieben wird und was für politische Hebel in Gang gesetzt werden, wenn er in Not gerät. Denn wir sind nicht gleich viel wert, und die Schwarzen sind nach wie vor das wertloseste Menschenleben, das es auf der Welt gibt.
Donnerstag, 7. Januar 2010
Am Donnerstag, 7. Jan 2010
Ich wollte das schon lange machen.
- Is Mr. Grover in his office?
- Yes, just a moment. ... Mr. Phelps would like to see you. ... He'll be right out.
- Thank you.
- Oh Mr. Grover, this is Wolf G. Flywheel!
- How do you do?
- That's rather a personal question, isn't it old man? How I do and what I do is my concern. ... And if you marry me your concern will be my concern.
- I just hired Mr. Flywheel as a floor worker.
- Oh Martha, we have enough floor workers.
- Oh please...
- Oh however, if you desire; what experience did you have at a department store?
- I was a shoplifter for three years!
- Oh er, and Mr. Flywheel likes his little joke! ... Just tell Mr. Grover what experience you have.
- Do you object if I ask him a few questions?
- Not at all!
- Go right ahead, ask her anything you want!
- Well it's you that I'm asking the question!
- Well I just heard you ask her if you could ask me a few questions!
- Well, just a minute-
- After all, I'm not blind!
- We will assume that I am a customer. I'm returning a baby carriage.
- Are you married?
- Why, of course not!
- Then what do you do with a baby carriage? This man is a cab! A Yellow Cab!
- Well, the whole thing is utterly ridiculous! Now I'll ask you a simple question. It's bargain day, the store is crowded, a woman faints, what do you do?
- How old is she?
- What difference does it make?
- You hear that? A woman's life is in danger and he asks: what difference does it make. And that charlatan is running your store? Martha, I'd fire him immediately!
- If Mrs. Phelps were not my fiancée, I would turn in my resignation and walk out of this store for good!
- Oh no, no!
- Fiancée?
- Yes!
- You mean that a woman of your culture and money and beauty and money and wealth and money would, would marry that imposter? -Just a moment! What's the idea prowling around here?
- Why, that's Tommy Rogers!
- Oh, how are you Tommy?
- No, I'm Tommy Rogers!
- Oh, well how are you Tommy?
- How do you do?
- I'm-a Ravelli. I'm Tommy's bodyguard.
- Your Tommy -I'm Tommy's bodyguard, I' just been engaged!
- You'll excuse me.
- So you' been engaged, eh?
- Of course, here's my five dollar deposit to prove it!
- Well keep-a the five dollars. I'll guard Tommy for nothing.
- Scab.
- I heard that.
- So you're not a floor worker. You're a so-called bodyguard. What does this mean, Martha?
- Well... when I felt Tommy needed a really experienced detective to safeguard him, so I, erm, ...
- So naturally she hired me, the greatest detective since Sherlock Holmes!
- I'm crazy about Sherlock Holmes!
- I won't do any good, he's got a wife and three kids.
- So this man is a detective!
- Yes.
- Ha!
- Mr. Flywheel!
- Just call me Wolf.
- Now that you revealed yourself you spoiled everything! And after you promised not to tell...
- How can I keep from telling the world of you and your beauty! And me feelings about you. "She walks in beauty like the night; of cloudless climes and starry skies" ...
- Why, that's Byron!
- He was thinking of you when he wrote it.
- Wolf, do you remember this? "Thou friend, whose presence on my wintery heart fell like bright spring upon some herbless plain" ...
- Shelley?
- Shelley!
- They're not writing that kinda stuff anymore. Here's a little something to you: Your eyes so blue, your heart so true; your lips divine; say you'll be mine!
- Wolf, where did you ever learn to write such beautiful poetry?
- I worked five years for [??] Shave!
- What is this man? A detective, a floor worker or a poet?
- All three! And not bad at making love, eh Martha?
- I can't stand this any longer and I won't stand it!
- Just a moment, Mr. Grover! If my aunt wants this man to be my bodyguard, it's ok with me. Mr. Flywheel: my life is in your hands.
- I, er... I wouldn't be happy here. I... I'm not appreciated.
- Not appreciated? Well, I think you're great!
- What do you, er... what do you really think of me?
- Well, I... I think you're wonderful!
- Do you... d'you think I'm any good?
- Man, you're terrific!
- How am I? Alright?
- Wanna know? You're a sensation!
- I could listen to this man forever. And er, now if you don't mind, Martha and I would like to alone. SCRAM!
- Hey, look!
- It's only a woman. -You play too faulty to place! Wolf G. Flywheel at your service.
- I represent the magazine Musical Life.
- Ah, working your way through college! I'm sorry, but I've already subscribed to Click, Pick, Hick, Tick, Gaff, Staff, Laugh and Chaff.
- Pardon me. -Young lady, do you expect Mr. Rogers soon? I'm here to interview him. And I don't care to be annoyed by this silly creatures.
- Flattering will get you nowhere!
- Mr. Rogers is probably in his office.
- No, he went to lunch with Joan, the girl who works behind this counter. Anyhow Tommy says he didn't wanna meet you!
- Not really! You mean he took one of the [? 'staff'?] to lunch?
- Sure, why not?
- I didn't know it was being done anywhere! ... I'll be at the [?] counter. Call me when Mr. Rogers returns. Out of my way, stupid!
Und wer immer schon wissen wollte, was Cool bedeutet, was cool ist und woher Cool kommt: seinen Gesichtsausdruck beim Halten der Schaufel reinziehen.
More to come.
- Is Mr. Grover in his office?
- Yes, just a moment. ... Mr. Phelps would like to see you. ... He'll be right out.
- Thank you.
- Oh Mr. Grover, this is Wolf G. Flywheel!
- How do you do?
- That's rather a personal question, isn't it old man? How I do and what I do is my concern. ... And if you marry me your concern will be my concern.
- I just hired Mr. Flywheel as a floor worker.
- Oh Martha, we have enough floor workers.
- Oh please...
- Oh however, if you desire; what experience did you have at a department store?
- I was a shoplifter for three years!
- Oh er, and Mr. Flywheel likes his little joke! ... Just tell Mr. Grover what experience you have.
- Do you object if I ask him a few questions?
- Not at all!
- Go right ahead, ask her anything you want!
- Well it's you that I'm asking the question!
- Well I just heard you ask her if you could ask me a few questions!
- Well, just a minute-
- After all, I'm not blind!
- We will assume that I am a customer. I'm returning a baby carriage.
- Are you married?
- Why, of course not!
- Then what do you do with a baby carriage? This man is a cab! A Yellow Cab!
- Well, the whole thing is utterly ridiculous! Now I'll ask you a simple question. It's bargain day, the store is crowded, a woman faints, what do you do?
- How old is she?
- What difference does it make?
- You hear that? A woman's life is in danger and he asks: what difference does it make. And that charlatan is running your store? Martha, I'd fire him immediately!
- If Mrs. Phelps were not my fiancée, I would turn in my resignation and walk out of this store for good!
- Oh no, no!
- Fiancée?
- Yes!
- You mean that a woman of your culture and money and beauty and money and wealth and money would, would marry that imposter? -Just a moment! What's the idea prowling around here?
- Why, that's Tommy Rogers!
- Oh, how are you Tommy?
- No, I'm Tommy Rogers!
- Oh, well how are you Tommy?
- How do you do?
- I'm-a Ravelli. I'm Tommy's bodyguard.
- Your Tommy -I'm Tommy's bodyguard, I' just been engaged!
- You'll excuse me.
- So you' been engaged, eh?
- Of course, here's my five dollar deposit to prove it!
- Well keep-a the five dollars. I'll guard Tommy for nothing.
- Scab.
- I heard that.
- So you're not a floor worker. You're a so-called bodyguard. What does this mean, Martha?
- Well... when I felt Tommy needed a really experienced detective to safeguard him, so I, erm, ...
- So naturally she hired me, the greatest detective since Sherlock Holmes!
- I'm crazy about Sherlock Holmes!
- I won't do any good, he's got a wife and three kids.
- So this man is a detective!
- Yes.
- Ha!
- Mr. Flywheel!
- Just call me Wolf.
- Now that you revealed yourself you spoiled everything! And after you promised not to tell...
- How can I keep from telling the world of you and your beauty! And me feelings about you. "She walks in beauty like the night; of cloudless climes and starry skies" ...
- Why, that's Byron!
- He was thinking of you when he wrote it.
- Wolf, do you remember this? "Thou friend, whose presence on my wintery heart fell like bright spring upon some herbless plain" ...
- Shelley?
- Shelley!
- They're not writing that kinda stuff anymore. Here's a little something to you: Your eyes so blue, your heart so true; your lips divine; say you'll be mine!
- Wolf, where did you ever learn to write such beautiful poetry?
- I worked five years for [??] Shave!
- What is this man? A detective, a floor worker or a poet?
- All three! And not bad at making love, eh Martha?
- I can't stand this any longer and I won't stand it!
- Just a moment, Mr. Grover! If my aunt wants this man to be my bodyguard, it's ok with me. Mr. Flywheel: my life is in your hands.
- I, er... I wouldn't be happy here. I... I'm not appreciated.
- Not appreciated? Well, I think you're great!
- What do you, er... what do you really think of me?
- Well, I... I think you're wonderful!
- Do you... d'you think I'm any good?
- Man, you're terrific!
- How am I? Alright?
- Wanna know? You're a sensation!
- I could listen to this man forever. And er, now if you don't mind, Martha and I would like to alone. SCRAM!
- Hey, look!
- It's only a woman. -You play too faulty to place! Wolf G. Flywheel at your service.
- I represent the magazine Musical Life.
- Ah, working your way through college! I'm sorry, but I've already subscribed to Click, Pick, Hick, Tick, Gaff, Staff, Laugh and Chaff.
- Pardon me. -Young lady, do you expect Mr. Rogers soon? I'm here to interview him. And I don't care to be annoyed by this silly creatures.
- Flattering will get you nowhere!
- Mr. Rogers is probably in his office.
- No, he went to lunch with Joan, the girl who works behind this counter. Anyhow Tommy says he didn't wanna meet you!
- Not really! You mean he took one of the [? 'staff'?] to lunch?
- Sure, why not?
- I didn't know it was being done anywhere! ... I'll be at the [?] counter. Call me when Mr. Rogers returns. Out of my way, stupid!
Und wer immer schon wissen wollte, was Cool bedeutet, was cool ist und woher Cool kommt: seinen Gesichtsausdruck beim Halten der Schaufel reinziehen.
More to come.
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Donnerstag, 17. Dezember 2009
Hellas #2
Am Donnerstag, 17. Dez 2009
Das hier sollte ja kein Bilderblog werden, und natürlich wiederholen sich die Motive, aber von August bis Oktober war wieder jemand unten - leider nicht ich - und die Bilder sind des Aufhebens wert.
Sieht man die Schwimmgeländer? Die sind so geil da unten. Ich meine, das ist eine Kapelle, streng genommen ein spiritueller Ort, und die bauen da zwei Schwimmgeländer hin, damit man sich erfrischen kann.
Das ist nicht kitschig, oder? Es ist ja nicht gestellt, die Viecher laufen da halt frei rum. Die ficken auch da am Strand. Natürlich nie an Stränden, die dem Touristenstrom angeschlossen sind.
Landhaus, oder Hütte, von Tantchen. Hoch oben auf dem Berg, überschaut weite Teile der Küste. Guter Ort, um zur Ruhe zu kommen. Sagenhafter Ausblick.
Von einer Bergtour. Wie ich wahrscheinlich schon mal geschrieben habe, da oben wächst alles wild - Rosmarin, Bergthymian, echter Oregano, nicht dieser weichgespülte deutsche Majoranquatsch, echter Oregano, ein Teufelsgewürz! Das wird dann auf Bergwanderungen gesammelt und tütenweise mit nach Deutschland gebracht.
Old devil moon. Episch, auf archaische Weise heimelig und trotzdem ewig unverwandt.
Es ist doch witzig: dieser ganze Sci-Fi-Quatsch aus Büchern und Fernsehen, den wir uns einschenken, irgendwelche Raumschiffe, die durch den Weltraum düsen, und in unserer Vorstellung bleibt der Weltraum trotzdem ewig etwas Abstraktes - dabei muss man nur den Mond anschauen, um sich klarzumachen, daß wir mittendrin sind, das ist ja nicht nur eine Scheibe, das ist eine Kugel, ein richtiger Planet mit einer ungleichmäßigen Oberfläche, und man kann ihn von der Erde aus sehen, jede Nacht! Aber grade die, die irgendwelche Sci-Fi-Besessenheiten haben, schenken dem Mond am wenigsten Beachtung. Sterne sind ein Gestirn, eine nicht-räumliche Decke, die über unseren Köpfen hängt (und mich beängstigt, wenn ich zu lange hineinsehe), aber der Mond macht den Weltraum greifbar und dreidimensional.
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