Freitag, 20. Juli 2018
Traum eines Verheirateten

Während einer Umzugsübernachtung, an der Wand eines ehemaligen Steinbruchs, wenige Kilometer von Tübingen entfernt.



Ich verließ ein Gebäude aus meterdicken, schlichten Betonmauern, klagend, wie schlecht das Wetter sei, und eine ehemalige Klassenkameradin stand auf einem Vorsprung über der Türe und maulte zurück: Jammer doch nicht so.

Durch mehrere offene Gebäude hindurch betrat ich eine Halle, in der ein weitläufiges, von Stufen umringtes Wasserbecken lag. Dampf stieg auf; eine mächtige, gleichmäßige Strömung trieb die Fluten im Kreis und bewegte die zahlreichen, in kleinen Gruppen vereinten Schwimmer mit sich. Über allem lag eine gereizte Euphorie, Menschen waren sich freundschaftlich zugetan oder warben spielerisch umeinander.







Sie saß im blauen Badeanzug auf einer der großen Steinstufen am Beckenrand mit Freundinnen, erkannte mich von weitem und lächelte mich mit ihrem Übermenschenlächeln zu sich. Eine Gruppe trieb im Wasser an uns vorbei; sie hatten, die Arme auf den Schultern des Nächsten verschränkt, einen Kreis um eine Art Flossgerüst herum gebildet, um das sie sich zusätzlich zur rotierenden Strömung einem Karussel gleich langsam drehten. Sie zog mich unter Scherzen ins Wasser; unsere Blicke trennten sich längstens für halbe Sekunden. Die Gruppe gängelte uns so, dass wir im Kreis einander gegenüber trieben. Für Momente wurde ich von schweren Armen auf meinen Schultern unter Wasser gedrückt, erregte mich mit gespielter Heftigkeit, was das denn solle?, und man erklärte mir sehr ernsthaft: Doch doch, so stützt man sich gegenseitig. Die Stimmung um uns herum wurde euphorischer und gereizter und kippte ins Rauschartig-Verzückte.


Ich schloss die Augen, gab dem Druck der schweren Arme nach und ließ mich untergehen, drehte mich um die eigene Achse. Unter dem Floss suchte ich mit der Hand den Boden, fand ihn und stupste kopfüber vorsichtig mit dem Zeh ihren Rücken, wenig oberhalb der Hüfte. Wir tauchten, trafen uns schwebend über dem Grund, neigten unsere Köpfe eng einander zu, die Augen geschlossen.


Bist du da? fragte sie.
Ja, hab auf dich gewartet, antwortete ich und dachte dabei: I've been waiting for you, wie aus einem Lied.

Hier aufgewacht.



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Samstag, 14. Dezember 2013



Dunkelheit war mir von Haus aus immer schon unheimlich; inzwischen ist sie auch Versteck und Schutz. Ich meine die Dunkelheit einer mondlosen Nacht, am Waldrand in der tiefsten Allgäupampa, mehrere Kilometer entfernt von der nächsten popeligen Landstraße, Ewigkeiten entfernt vom Streulicht großer Städte - wenn das Sternenlicht so schwach glüht, dass nicht mal Konturen erkennbar sind.







Dunkelheit bewirkt erhöhte Selbstaufmerksamkeit. Die visuelle Wahrnehmung ist homogenisiert: Dinge und Strukturen sind eher Flecken ohne erkennbare Tiefe als klar umrandete Objekte mit Details. Heißt zunächst nur, die üblichen kognitiv-visuellen Schemata können nicht zu Ende evaluiert werden kann, sie verbleiben im Hypothesenstatus. Und das bewirkt - ich weiß nicht, wie, ob schlicht in Ermangelung eines gewohnten Kontingents zu verarbeitender Data, die das Sicherheitsbedürfnis befriedigen - eine graduelle Verlagerung der Aufmerksamkeit von der Außenwelt nach innen; man lauscht mehr in sich hinein, sowohl und gerade auf propriozeptiver und intrinsisch-affektiver Ebene als auch reflexive Selbstaufmerksamkeit betreffend. Besonders das Zusammenspiel der letzten beiden entfaltet dabei eine Dynamik, die dem Einstreuen scheinbar willkürlicher Assoziationen beim Einschlafen ähnelt.

Fest steht, wenn es dunkel ist, bin ich nahe an mir dran. Im Dunkeln kann dich keiner sehen, und das fühlt sich an, als denke auch keiner an dich, wisse niemand von dir, bezöge sich niemand auf dich in seinem Fühlen und Denken - und man wäre frei von den Wehen der Menschen, deren Fühlen von dir abhängt. Wenn sie schlafen, können sie nicht mal an dich denken, und wenn sie träumen, beziehen sie sich nicht auf dich, sondern auf eine Modifikation eines Abbilds von dir.







Das alles zusammen bedeutet de facto-Freiheit von äußeren Erwartungshaltungen, Gefallzwängen und Verantwortung. In dieser verstohlenen Schamlosigkeit ist Raum, sich zu spüren, und Zeit genug, sich selbst zu vertrauen. Es soll diese Urangst geben, von allen Seiten bedroht zu werden und nicht vorhersehen zu können, aus welcher Richtung die Gefahr kommt - die bricht bei mir höchstens beim Tauchen im Meer durch, aber in der Nacht sehen alle Augen gleich viel.

Ich habe übrigens noch nicht eine Photographie gesehen, die die Nacht und den Sternenhimmel so abbildet, wie sie in Wirklichkeit aussehen. Entweder habe ich also nicht genug Photographien gesehen oder die Technik ist einfach noch nicht so weit. Ich wäre gerne einmal nachts in der Wüste oder im australischen Outback. Meine Mutter war Anfang zwanzig mit Freunden auf einer Studienreise in Persien. Während einer langen Überlandfahrt kampierten sie in der Wüste; sie sagte, die Sterne seien bis über den Horizont zu sehen gewesen, in einer Leuchtkraft und Klarheit, die sie nie wieder gesehen hätte. Unter den Reisenden waren zwei Musiker - ein Violinist des London Symphony Orchestra und ein anderer, sein Instrument weiß ich nicht - und sie haben Bach gespielt. Muss ein unfassbarer Augenblick gewesen sein.


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Dienstag, 10. September 2013



Überland-Hauptverkehrsstraße, einspurig in unserer Fahrtrichtung, zweispuriger Gegenverkehr; ich Beifahrer, Pold konduiert, wir fahren etwas weniger als 80. An einer Kreuzung sehe ich rechts von uns den Typ in seinem Japaner; er hält das Steuer mit beiden Händen fest, der Kopf, weit vorne übergebeugt, klebt fast an der Scheibe, typische Anzeichen von Ermüdung und Sehschwäche. Ich sehe, wie er nicht nach links, nur nach rechts blickt - und einfach losfährt.





Später habe ich mir kurz eingebildet, ich hätte noch Achtung gebrüllt, tatsächlich war es ein lautes 'Scheisse'. Und Pold, sagte sie nicht 'Was macht der denn'? Versuche, die 1,5 Sekunden zwischen Erblicken und Aufprall zu rekonstruieren, scheitern überwiegend, false memories und kontrafaktisches Denken pfuschen mir rein, wo es geht - mein Gehirn scheint die Situation eher nach Kriterien umzuformen, wie ich mich in so einer Situation verhalten hätte, als nach dem tatsächlich Geschehenen. Aber ich weiß, dass ich den Typen sah, und was er tat - und eine Sekunde lang nicht reagiert habe.





Pold aber bremst souverän ab und weicht scharf nach links aus, seine Front prallt mit geschätzten 30 km/h auf unseren Kotflügel bei geschätzten 45 km/h. Keine lebensgefährliche Situation also, aber die Wucht, mit der die Trägheit der Masse aus ihrer bisherigen Bewegungsrichtung gestoßen wird, entzieht sich nach wie vor jedem Beschreibungsversuch. Das Auto wird einem buchstäblich unter dem Arsch weggeschossen, mit dem Unterschied, das man durch einen Anschnallgurt mit ihm verbunden ist sowie durch Türen und andere Faktoren daran gehindert wird, einfach seitlich herauszufallen und mit 40 Sachen ein bisschen die Straße entlangzupurzeln, bis man zum Stehen käme. Jedenfalls: Man rafft nichts in dem Moment, in dem es geschieht. Ich habe nach dem Stehen zwei Sekunden mit Umsetzung des Geschehenen verbracht, bis ich Pold fragte, ob bei ihr alles lieb sei, und zwanzig, bis ich nach den Hunden sah, und zwei Minuten, bis ich zur Erkenntnis gelangte: Alles gut, alle heil und gesund, scheiss auf das Auto. Nicht so der Drecksack mit seinem japanischen Flohuster.

Er steigt aus; wackelt einmal prüfend um sein Auto herum; tritt seitlich an unseres heran, klopft an die Scheibe (ich nutzte die Gelegenheit sofort, um zu vermelden, dass auf unserer Seite alle unverletzt seien) und mümmelt - das Allererste, was er sagt!: Sie haben da vorne rechts geblinkt. - Pold wehrte sich sofort inbrünstig in Stimmlage und Wortwahl, aber ich war einfach zu perplex, um auszusteigen und ihm alle Zähne aus dem Maul zu schlagen. Ich rechne mit so etwas - wirklich, mein Menschenbild ist mieser als das aller meiner Bekannten - aber wie man so ein Kackhaufen von einem Geizkragen sein kann, ist mir rätselhaft. Der Typ steigt aus, ist am Leben und unverletzt, und woran denkt er als erstes? An sein Geld.





Seit dem Abend dieses Tages haben mich zwei Fragen unausgesetzt beschäftigt: Warum reagiere ich so langsam? Ich stand nicht unter Schock, sie auch nicht bis auf ein paar kurze Schrecktränen für wenige Sekunden. Bis auf meinen Scheisse-Ruf waren meine Reaktionen ausgesprochen moderat, beim letzten Orgasmus habe ich mehr Adrenalin verheizt. Wieso habe ich so lange gebraucht, um zu realisieren, was für eine unfassbare Teilnahmslosigkeit und Eigennützigkeit dieser Neanderthaler an den Tag legte, als er mit dieser frechen Lüge an uns herantrat? Weil ich es gewohnt bin, mich in Extremsituationen automatisch runterzuregulieren? Ich hätte aussteigen und ihn in Grund und Boden brüllen sollen, und es ärgert mich nachträglich bitter, dass ihm das auch später erspart geblieben ist - auch dann, als er auf Zeugenfang ging und für seine dreckige kleine Lügenversion warb (und sich eine Absage nach der anderen einholte).

Much more: Was wäre geschehen, wenn die Spuren des Gegenverkehrs nicht auf fast hundert Meter Länge leer gewesen wären? Ob frouwe nach links ausgewichen wäre oder nicht - der Aufprall hätte in jedem Fall genügt, uns auf die Gegenfahrbahn zu schleudern. Was wäre gewesen, wenn ein rüstiger Sattelschlepper des Weges gekommen wäre? Ein unentwirrbarer Matsch aus Blech und Blut. Haben mich diese Bilder deshalb noch tagelang beschäftigt - ganz ohne mein Zutun - weil ich mich im Moment des Geschehens restlos betäubte?

Keine Ahnung, wie ich diesen Mechanismus jemals wieder loswerden soll.


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Sonntag, 11. August 2013
Big Brother war mal. Zur Ratio der NSA



... ganz kurz ein paar Worte, weil mir das dümmliche Gesabbel zahlloser Kommentatoren auf FAZ- und hiesigem Niveau den Glaube an die Menschheit raubt:


1. Zunächst, würden alle Schwachköpfe bitte zur Kenntnis nehmen: Obama, besser: der amerikanische Präsident schlechthin hat seit den frühen fünfziger Jahren zunehmend mit sehr einflussreichen Machtblöcken aus der Industrie zu kämpfen. Er kann nicht einfach tun, was er will, schon gar nicht kann er sagen, was er wirklich denkt, Ihr Kleinkinder. Viele seiner Befugnisse besitzt er vor allem auf dem Papier, de facto kann er bestimmte, vorwiegend außenpolitische Entscheidungen nicht selbst treffen; hinsichtlich derselben nimmt er als Präsident eine rein repräsentative Rolle ein und hat im Grunde nichts zu vermelden. Wir können den Ausspruch von Arend Oetker darüber, wer in den USA bestimmt, was geschieht, für voll nehmen oder uns mit eitlen Interpretationsversuchen und Relativierungen aufhalten; aber wenn wir ernsthaft daran glauben, dass in den Staaten weit mehr als Lobbyismus und Korruption starken Einfluss auf das politische Geschehen nehmen, sollten wir auch konsequent das hirnlose Obama-Bashing einstellen. Obama Nobelpreis, Obama Guantanamo, gna gna gna, alles sehr dumm und nutzlos. Mr. President hat sich eben nicht nur mit Congress und Supreme Court auseinanderzusetzen, sondern mit weiteren, durchaus nicht demokratisch legitimierten Kräften.

Das letzte Wort hat einzig und allein das Kapital, aber den stärksten Machthebel der Welt besitzen noch vor Rüstungskonzernen und Banken die Energiekonzerne. Bitte informieren, bitte lernen popernen (sehr brauchbar hier): Die auf fossilen Brennstoffen basierende Motorisierung von Industrie und zivilier Gesellschaft ist DAS Rückgrat allen nationalen Wohlstands. Rückgrat heisst: Die notwendige und hinreichende Bedingung für den Kapitalfluss schlechthin. Bricht diese Motorisierung auch nur einen Tag vollständig zusammen, bricht der gesamte Finanzfluss zusammen, innerhalb weniger Stunden entstehen Milliardenschäden. Mit Wohlstand meinen wir? - Dass Generationen von Menschen eines Landes, d.h. viele Millionen, über Dekaden hinweg in Frieden, Sicherheit und kontinuierlichem Überfluss leben. Siehe z.B. Deutschland seit dem Wirtschaftswunder. Wer den Menschen diesen Wohlstand verschafft und sichert, den wählen und stützen sie. Damit ist fast alles gesagt, aber Schwachköpfen muss man alles erklären.







- Also: Es gibt (zu diesem Zeitpunkt der Geschichte) keinen stärkeren Machthebel als die Kontrolle der fossilen Brennstoffe, selbst der Einsatz von Atomwaffen ist der Bedeutung dieser Ressource untergeordnet. Wer sie kontrolliert und ihren Preis bestimmt, bestimmt, wer lebt und wer stirbt, was wahr und unwahr ist, wer Recht hat und wer nicht, welche Erfindung in Serie geht und welche nicht, wann wo welche Kriege geschehen: Denn *nichts* bestimmt die Stabilität einer Gesellschaft stärker als ihr Wohlstand, auf keine Veränderung reagieren die Mitglieder heftiger als auf Schwankungen des gewohnten Lebensstandards. Daraus folgt: Wer sich anschickt, die Regierung einer Wohlstandsgesellschaft zu bilden, ist zwingend darauf angewiesen, es gut mit denen zu halten, die ihm einen steten Fluss an fossilen Brennstoffen garantieren.

- Weiter: Die Quellen fossiler Brennstoffe sind endlich und liegen innerhalb nationaler Grenzen. Um sie zu erschließen, muss man Kriege führen, für Kriege braucht man Waffen, Waffen werden von Rüstungskonzernen hergestellt und verkauft; Rüstungs- und Energiekonzerne haben folglich ein elementares Interesse an Zusammenarbeit, ihre Lobbyisten verfolgen ein und dasselbe Ziel. Ölfelder werden über Jahrzehnte hinweg ausgebeutet, Waffensysteme sind weit über das kurze Zeitfenster militärisch geschlagener Schlachten hinaus nötig; auf diese folgen jahrelange Phasen der Guerillakämpfe, auch Rüstungskonzerne verdienen an Kriegen also über Dekaden hinweg, nicht zuletzt, weil jeder Krieg vor Politik und Öffentlichkeit als womöglich wiederkehrendes Schreckensszenario verkauft wird, gegen das es sich zu rüsten gilt.







2. "Terrorismus" im heutigen, massenmedial verwendeten Sinne war ursprünglich nichts als eine defensive Reaktion angegriffener Nationen bzw. Regionen auf interventionistische und imperialistische Kriege von Großmächten (die Geschichtsschreibung ist die der Sieger; immer); ein nützlicher Vorwand, um permanenten Rechtsbruch zu legitimieren, ist es für letztere aber ebenso lange. Terrorismus ist deshalb von den Obrigkeiten unerwünscht, sofern er die eigenen Interessen ernsthaft bedroht; ein Mindestmaß an Terrorismus hingegen ist erwünscht - genau soviel, wie nötig ist, um den Menschen den Bruch bis dato geltender Freiheiten und Rechte schmackhaft zu machen, wenn dieser Bruch mehr Sicherheit verspricht - oder ganze Kriege rechtfertigt.







3. Geheimdienste agieren an der parlamentarischen Kontrolle vorbei, immer, zu jedem Zeitpunkt der Geschichte, in jedem Land der Erde. Sie wurden gegründet, um verdeckt zu agieren, die von ihnen regelmäßig verübten Gesetzesbrüche werden nach einem ungeschriebenen Gewohnheitsrecht von den Kontrollorganen geduldet, indem man schlicht nicht allzu konsequent nachfragt, mit welchen Mitteln und Methoden sie ihre Einsatzziele im Einzelnen verwirklichen - ihre Befugnisse werden praktisch einzig durch die nötige Diskretion begrenzt, mit der sie ihre Arbeit verrichten müssen. Geheimdienste besitzen also immer nur ein vorübergehendes, aber kein konstantes Korrektiv - ersteres dann, wenn mal wieder eine Schweinerei aufgeflogen und ein parlamentarischer Ausschuss einberufen ist.

Das ist keine gute Voraussetzung für die Herausbildung und Einhaltung eines Ethos. Im Gegenteil, und nicht nur die Arbeitsweise der Geheimdienste unterliegt keinem wirksamen Korrektiv, sondern auch ihr Denken: Man wäre überrascht, wie viele dieser Leute ihre Methoden durch die Überzeugung rechtfertigen, das Unrecht, das sie verrichten, sei notwendiges Übel für den Erhalt von Frieden und Wohlstand in ihrem Heimatland, und man hätte ihnen verdammt nochmal dankbar zu sein, dass sie dieses Unrecht im Geheimen verüben, wo kein Normalsterblicher sich darob Gewissensbisse zu machen habe; Geheimdienstler können sowohl verantwortungslose Opportunisten als auch rechtschaffene patriotische Charakterschweine sein. Aber die Verbrechen der Geheimdienste sind genauso wenig alternativlos wie die politische Agenda, in deren Namen sie ausgeführt werden, und die Zahl der Mitarbeiter, die sich den Luxus dieser Erkenntnis dauerhaft leisten, ist bescheiden; es arbeitet sich nämlich schwer mit steten Gewissensbissen, zuviel kognitive Dissonanz hemmt die Handlungsbereitschaft. Mit einem Wort, die schlimmsten Zombies, Sadisten und Folterknechte finden wir unter den Mitarbeitern von Geheimdiensten, die für die grobe Arbeit zuständig sind, die kaputtesten Zyniker unter ihren Vorgesetzten und die gleichgültigsten, opportunistischsten und verantwortungslosesten Wegseher unter den Analysten. Man wird nicht Mitarbeiter eines Geheimdienstes, weil man auf der Urteilsdimension "moralische Integrität" herausragend punktet.

Paranoia ist allerdings das Letzte, worunter die heutige NSA leidet, auch wenn uns diese Vorstellung gefällt und seit je her literarisch reichlich bedient wurde. Was NSA und Konsorten tun - die restlose Überwachung aller Datenströme, das vorauseilende Speichern sämtlicher Information - ist durch und durch rational, d.h. dem Fall zweckdienlich, dass ich Leute suche, die mir gefährlich werden könnten, aber noch nicht weiß, wer diese Leute sind, bzw.: Wenn noch nicht mal feststeht, wer irgendwann mal zu so einem Leut wird.







Man sollte sich darüber klar sein, dass das Kalkül der Geheimdienste an eine historische Obergrenze gestoßen ist, die - rein technisch bedingt! - zumindest vorübergehend nicht mehr zu übertreffen ist. Man arbeitet lange nicht mehr auf der Basis von Verdachtsmomenten oder Antizipation, die auf konkreten einzelnen Erfahrungswerten oder plausiblen psychologischen Modellen basiert. Betrachtet man das Psychogramm eines Kriminellen (reden wir der Griffigkeit halber mit aller gebührenden Distanz von "Staatsfeinden" oder "Terroristen"), gibt es einen Zeitpunkt, an dem er das erste Mal - der Zurechnung fähig - wissentlich gegen ein Gesetz verstösst, resp. einer Großmacht ans Bein pisst. - Die amerikanischen Geheimdienste sind nicht mehr gewillt, diesen Zeitpunkt einfach abzuwarten. Man möchte, sofern irgend möglich, an der Zielperson schon dran sein, wenn er sich anbahnt, und live dabei, wenn es geschieht, man möchte es am liebsten vorhersagen können, to pinpoint that split second - all dies unter der Annahme und Voraussetzung, dass diesem Kippmoment in irgendeiner digital erfassbaren Form Ausdruck verliehen wird (Onlineprofile, Emails, SMS, Telefonate), die abgehört werden kann... und für den wahrscheinlichen Fall, dass man diesen Moment verpasst, lautet die Zielsetzung, über die entsprechende Person wenigstens so viel belastendes Material und für psychologische Manipulation verwertbare Information wie möglich zu gewinnen - kurz, jede Möglichkeit, im Falle eines Falles Druck auf die Person auszuüben, erschöpfend auszubeuten. Die NSA ist die gründlichere Variante von archive.org mit anderen Vorzeichen.

Die tatsächliche Gefährlichkeit einer Person zu einem bestimmten Zeitpunkt tritt dabei völlig in den Hintergrund. Big Brother in 1984 verhängte einen Generalverdacht, spähte aber nur konkret Verdächtige aus; die Ausgangsfrage der NSA lautet: Wer wird wohl morgen zum Terroristen werden, allgemeiner: Welcher kleine Furz wird wohl morgen versuchen, uns ans Bein zu pissen? Antwort: Wissen wir nicht. Konsequenz: Also überwachen wir alle.

Man sollte sich keine Illusionen machen: Es gibt nicht einen Spitzenpolitiker in Deutschland, dessen berufliche wie private Kommunikation nicht vollständig von amerikanischen und anderen Geheimdiensten überwacht wird; gleiches gilt für die Mehrheit der wirtschaftlichen Eliten. Geheimdienste verlassen sich auf nichts und niemand, sie wollen nicht erahnen, deuteln und spekulieren, sondern wissen, wie es um die Gesinnung ihrer ausübenden Büttel, Lakaien und "Freunde" in Politik und Wirtschaft steht. Gesinnungen ändern sich in der Regel nicht abrupt, sondern über längere Zeiträume hinweg. Und wenn es geschieht, möchte man früh davon wissen, wie gesagt: am liebsten voraussehen können.

- Die Methode der NSA ist präemptive Erfassung in Reinkultur. Nötig dafür sind nur genug Maschinen, die Texte auf bestimmte Wörter hin absuchen (das ist eine rein technische Problemstellung), sowie genug Datenträger; Relevanzkriterien werden erst bei der Auswertung angelegt. Jeder, der sich in dieser Zeit im Netz über die NSA auskotzt, wird erfasst, auch namentlich. Und auch hier sollten wir uns keinen Illusionen hingeben: Ganz abseits von Spitzenpolitikern, -Wirtschaftlern und anderen Eliten wirken die mechanischen Suchroutinen vernunftloser Maschinen, die nicht auf sozialen Status, Herkunft und Vermögen sehen, auch auf das Personal zurück.

Nehmen wir ein Beispiel. Kennt man den NSA-Abschnitt aus dem Simpsons-Kinofilm? Das war eine satirische Einlage, Bestandteil eines komischen Films. Matt Groening ist weltweit bekannt, eine Person des 'Öffentlichen Lebens', tendenziell demokratisch, politisch unauffällig - die Vorstellung, dass er durch einen komischen Film in aller Öffentlichkeit Inhalte vermittelt, die dem Ziel dienen, den Staat ernsthaft zu gefährden, etwa durch Aufruhr, würde den Rechtsbegriff der "Verschwörung" ad absurdum führen. Generell interessieren sich Geheimdienste sehr für Personen, die ihnen gegenüber kritisch eingestellt sind, Nachforschungen betreiben, Bücher schreiben - aber sollten wir annehmen, dass die NSA sich nach Veröffentlichung des Simpsons-Films auch für Groening und die Mitarbeiter des Drehbuchs interessierte? Viel lächerlicher könnte eine Behörde nicht reagieren.

Na ja: Selbstverständlich wurden Matt Groening und weitere, mit dem Film beschäftigte Personen danach überprüft. Ich nehme allerdings an, dass er und viele andere vorher schon auf einer Liste von Personen standen, die man allein ihrer Bekanntheit wegen (und der damit verbundenen Möglichkeit, Massen zu beeinflussen) routinemäßigen Checks unterzieht. Man sollte sich nicht weiterhin von der naiven Vorstellung leiten lassen, dass die NSA so etwas wie nachvollziehbare Gründe oder konkrete Anlässe benötige, um sich für ein Individuum zu interessieren. Das Prinzip präemptiver Erfassung richtet sich nicht nach tatsächlichen Gefahrenlagen oder Verdachtsmomenten, sondern - und hier wurde der Allgemeinheitsgrad des Suchkriteriums ins Bedingungslose aufgebläht - nach dem Prinzip des Konjunktivs überhaupt: Es könnte sein, dass. Dieses 'Könnte' ist völlig hinreichend für einen ersten Check. Der findet im Geheimen statt und tut schließlich niemand weh, what the hey.







4. Geheimdienste sind folglich aufgrund ihrer technischen Ausrüstung sowie ihrer juristischen Sonderstellung sehr, sehr gefragte Ansprechpartner für Großunternehmen, die bei der Maximierung ihrer Profite schnell an legale Grenzen stossen. Denn Geheimdienste können sehr sauber und sehr diskret eine ganze Reihe von Problemen lösen, ohne dass die Öffentlichkeit von diesen Problemen überhaupt jemals erfährt, und dies, sollte es schließlich doch noch zu Ohren von Parlamentariern kommen, nachträglich womöglich sogar noch legitimieren lassen - ein einzigartiges Set an Arbeitsbedingungen. Schlägt dies fehl, bleibt die Möglichkeit der Bestechung (die am häufigsten angewendet wird und fast immer funktioniert), schlägt diese fehl, bleibt die Möglichkeit der Einschüchterung, Erpressung und Bedrohung, schlägt diese fehl, bleibt die Möglichkeit der Ermordung.

Jeder, der sich in der Frage, was Geheimdienste so tun, zu welchen Methoden, Mitteln und Gesetzesbrüchen sie bereit sind, weiterbilden möchte, sollte sich bspw. die Artikel dieser Seite gründlich durchlesen. Es gibt kein moralisches Limit für solche Organisationen, nur ein technisch-praktisches, und sie arbeiten laufend daran, es zu erhöhen, waren darin sogar über Jahrzehnte Vorreiter. Man kann es nicht eindringlich genug sagen; diese Leute schrecken vor nichts zurück, der Zweck heiligt jedes Mittel.







5. Die logische Folge ist eine rasche Annäherung und enge Verzahnung zwischen Industrie und Geheimdiensten. Eisenhower hat davor gewarnt, als sie sich längst etabliert hatte, Kennedy ebenfalls (er war übrigens der letzte US-Präsident, der sich offensiv gegen die Macht der Geheimdienste zur Wehr gesetzt hat; das nebenbei durchaus nicht nur aus idealistischen Gründen).
"In the councils of government, we must guard against the acquisition of unwarranted influence, whether sought or unsought, by the militaryindustrial complex. The potential for the disastrous rise of misplaced power exists and will persist.

We must never let the weight of this combination endanger our liberties or democratic processes. We should take nothing for granted. Only an alert and knowledgeable citizenry can compel the proper meshing of the huge industrial and military machinery of defense with our peaceful methods and goals, so that security and liberty may prosper together."
"[...] there is very grave danger that an announced need for increased security will be seized upon by those anxious to expand its meaning to the very limits of official censorship and concealment."






6. Die Folge dieser Verzahnung ist eine scheinbare Teilung geheimdienstlicher Aktivitäten in zwei Ressorts: Auf der einen Seite arbeitet man für die nationale Sicherheit, was dem ursprünglichen Sinn des Geheimdienstes entspricht, auf der anderen arbeitet man großindustriellen Interessen zu.
Diese Teilung birgt für den Geheimdienst die stete Gefahr, sich für letztere Aktivitäten, sollten sie aufgedeckt werden, vor einer parlamentarischen Befragung rechtfertigen zu müssen. Zwar lässt sich die Mehrheit dieser Aktivitäten geheimhalten, die Gefahren einer Aufdeckung sind jedoch unabschätzbar: Sie beträfe niemals nur eine, sondern einen ganzen Komplex von Personen und sektiererischen Gruppen innerhalb eines Geheimdienstes; möglich ist, dass einzelne Personen oder ganze Gruppen "singen" und Informationen mit weitreichenden Folgen rausgeben. Man kennt das, plötzlich streben in rascher Folge eine ganze Reihe von Personen an Autounfällen, Herzversagen, Suizid oder spontaner Selbstentzündung.







7. Die naheliegendste Reaktion auf diese Gefahr ist die langfristige öffentliche Verschmelzung nationaler Interessen mit denen der Großindustrie. Diese führen im Zweifelsfall zum Krieg; der Irak hat Ölquellen, also hat der Irak auch Massenvernichtungswaffen, um eines der ungeniertesten Beispiele zu nennen. Von dieser Strategie profitieren abgesehen von den angegriffenen Zivilgesellschaften nahezu alle Parteien: Die Energiekonzerne erschließen neue Quellen, die Rüstungsindustrie evaluiert neue Waffensysteme im Feldversuch und bekräftigt gleichzeitig durch die angeblich akute Bedrohung die Notwendigkeit für Aufrüstung und Modernisierung der Streitkräfte, die Politik schärft ihr Profil als Verteidiger nationaler Interessen und Bewahrer freiheitlicher Werte - selbst die eigenen toten Soldaten lassen sich dafür noch ausbeuten- , und die Bevölkerung schärft die nationale Identität durch Abgrenzung von der medial diffamierten angegriffenen Nation, einem "Schurkenstaat". Säbelrasseln ist ein bewährtes wahlkampftaktisches Manöver, und nicht wenige Wahlen wurden durch Säbelrasseln gewonnen. Das heißt? Die Politikerkaste ist auf Kriege nicht händeringend angewiesen, sie kann sie aber zum Zwecke des Machterhalts sehr erfolgreich instrumentalisieren. Mit Blick auf die letzten sechs Jahrzehnte US-amerikanischer Politik: In welchem Wahlkampf wurde kein Feindbild instrumentalisiert?







8. Die Verschmelzung industrieller wie national-geheimdienstlicher Interessen führt langfristig zu

a) einer Anreicherung der politischen Kaste mit Vertretern der Industrie, resp. einer Anwerbung von Vertretern zivilier Interessen für diejenigen der Industrie; dies führt seinerseits zu
b) einer Veränderung im Selbstverständnis der politischen Kaste: Den Interessen der nationalen Industrie zuzuspielen wird als Patriotismus aufgefasst. Dieses Selbstverständnis wird durch Lobbyisten schon lange vorher angelegt - z.B. in der Argumentation, eine bestimmte Industrie zu subventionieren bzw. steuerrechtlich zu befreien sei im Sinne des nationalen Interesses, weil dadurch Arbeitsplätze erhalten werden.

Das heißt?
Dass wir es im Angesicht von Organisationen wie der NSA nicht nur mit einer Behörde zu tun haben, oder einer bestimmten Administration, die eben von Jahr x bis Jahr x regierte und zu dieser Zeit ihre Politik durchsetzte. Was alle diese kommenden und gehenden Administrationen überdauertn, ist die Wirtschaftsmacht USA selbst, und sie ist es, der wir gegenüberstehen, und die uns zum Narren hält, indem sie uns vornerum als Partner behandelt und hintenrum unsere Politik und Wettbewerbsvorteile ausspioniert. Die Art von Terrorismus, für die sich die NSA ganz besonders interessiert, ist sehr viel weniger als wir glauben die gesellschafts- oder staatsgefährdende, sondern die wirtschaftsschädigende. Eine Bombe, die bei irgendeinem Marathon gezündet wird, lässt sich wunderbar als Legitimationsgrund für die Aufgabe zivilrechtlicher Freiheiten zugunsten von mehr Sicherheit verwenden, eine Gruppe von Kämpfern, die einen Anschlag auf eine Pipeline verüben, sind hingegen ein echtes Ärgernis.







9. Tja!

Es ist nun kaum zu verstehen, warum so viele Schwachköpfe den nächsten gedanklichen Schritt einfach nicht gehen wollen: Wenn Geheimdienste gewohnheitsmäßig jedes Gesetz brechen, das ihnen im Weg steht; wenn sie sich der Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen unter dem Deckmantel nationaler Sicherheit verschreiben; wenn sie zu den unglaublichsten Mitteln greifen, die man sich denken kann; wenn sie erwiesenermaßen Terror vor dem Volk als Legitimationsgrund heranziehen, um für die Aufgabe freiheitlicher Rechte zugunsten von mehr Überwachung zu werben, dann ist es nur ein winzig kleiner Schritt bis zum inszenierten Terror. Oder, noch raffinierter, zum erlaubten bzw. zugelassenen Terror.

Die bloße Andeutung desselben erzeugt allerdings rasch kollektives Gekreische von "Verschwörungstheorien". Die sich von denselben distanzieren, geben sich in ihrem besseren Wissen so gewiss und sicher, dass etwas derartiges nie existiert hat, als hätten sie das Wort mit der Muttermilch aufgesogen. Gerade in Deutschland, wo die Angst, sich lächerlich zu machen, besonders groß ist, ist die Abgrenzung von "Verschwörungstheorien" das gerne und ostentativ getragene Kleidchen des ausgereiften und gefestigten Idiotenintellekts, der glaubt, sich durch Lesen von FAZ und Sueddeutsche eine kaum anfechtbare Meinung gebildet zu haben, die ihn für jedes Gespräch mit einer Fülle von Standpunkten wappnen, welche ihn vor sofortiger Enttarnung als Idiot wenigstens solange schützen, wie er diese Standpunkte nicht diskutieren muss.







Auch diese Idiotensorte sollte endlich zur Kenntnis nehmen: dass der Begriff der Verschwörungstheorie ein politischer Kampfbegriff mit ungeheurem Manipulationspotential ist, der für herrschende Eliten doppelten Nutzen hat: Zum Einen diffamiert er Leute, die mit stark abweichenden Erklärungen bekannter Ereignisse an die Öffentlichkeit treten, zum Anderen legt er potentiellen Zuhörern nahe, an die Theorie nicht einen weiteren Gedanken zu verschwenden - ist schließlich nur konspirativer Quatsch. Darüber hinaus stärkt er die kollektive Vorstellung eines existierenden und funktionierenden Meinungspluralismus: Genau, bei uns darf jeder denken, was er will, auch die Spinner. Schematisch arbeitet der Begriff ähnlich wie Nazikeule und Pädophilieunterstellung: Die Schwere des Vorwurfs erübrigt seine Begründung, nur bezieht er sich nicht auf Moralität, sondern auf die geistigen Fähigkeiten des Betroffenen.







Darüber hinaus: Eine Idee ist gefährlich genau so lange, wie sie verboten wird. Sie wird entschärft und verliert ihre Brisanz dadurch, dass sie Gegenstand öffentlicher Diskussion und Argumentation ist; die überdauernde Auseinandersetzung mit einem Gedanken desensibilisiert den Einzelnen für die mit ihm verbundene Problematik, polarisiert die vorgegebenen Alternativen, d.h. begünstigt das Denken in Lagern - hier wir (vernünftig und besonnen), dort die anderen (die irrlichternden Verschwörungstheoretiker, die Gescheiterten) - und impliziert damit zugleich, dass auf die zugrundeliegende Frage genau zwei mögliche, fest mit den entsprechenden Lagern verbundene Antworten existieren, die ein starkes Priming bewirken; über die Möglichkeit weiterer, denkbarer Alternativen trifft er hingegen überhaupt keine Aussage, und sofern solche nicht benannt werden, wird im Bewusstsein des Subjekts auch der logische Schluss nicht hervorgerufen, dass es sie überhaupt gibt.

Die psychologischen Gründe allerdings, warum sich Menschen gerne demonstrativ jenseits von "Verschwörungstheorien" verorten, gehen über die kleingeistige Angst, sich lächerlich zu machen, weit hinaus. Diejenigen, die mit dem Vorwurf der "Verschwörungstheorie" am raschesten zur Hand sind, sind genau diejenigen, die sich mit dieser Reaktion von einer Idee abgrenzen, die sie selbst durchaus nicht unplausibel finden, durch deren freies Bekenntnis sie aber in offenen Konflikt mit eben jenem etablierten System treten, von dem sie selbst profitieren und getragen werden und dem sie bislang vertraut haben; die unverhältnismäßig deutlich vorgetragene Abgrenzung ist nichts als eine Bewältigungsstrategie dieses inneren Konflikts.







9. Siehe 3.: Geheimdienste müssen ihr Handeln nicht rechtfertigen. Sie sind auf so etwas wie politisch oder zivilgesellschaftlich nachvollziehbare Gründe nicht angewiesen, wenn sie etwas wollen; in der Regel ist die technische Machbarkeit eines Projekts hinreichender Anlass, es durchzuführen (Obamas Wahlkampfslogan wirkt vor diesem Hintergrund unsäglich ironisch). Geheimdienste denken dabei nur in Kategorien ab- und unabschätzbarer Risiken.

Die Tatsache, dass die US-amerikanischen Geheimdienste die Aufdeckung ihrer Programme - die alles andere als unwahrscheinlich ist, denn die Verschwiegenheit zigtausender Mitarbeiter ist eine kaum berechenbare Größe - als abschätzbares, d.i.: kontrollierbares Risiko einstuften, und den nationalen Interessen, die kaum noch zu trennen sind von den Interessen der Industrie, Vorrang gegeben haben vor den internationalen diplomatischen Verwicklungen, die eine Aufdeckung mit sich bringen würde, erlaubt dem Rest der Welt tiefe Einblicke:

- In den Grad unserer Abhängigkeit von den USA. Denn so sehr wie auch angeschissen werden, so wenig sind wir in der Lage, uns zu wehren. Nicht nur das: Die Regierenden reißen nicht mal ihr Maul weit auf. Irgendeine ernstzunehmende Protestnote mit praktischen Konsequenzen? Fehlanzeige. So sehr haben wir uns verschmust mit Big Brother in den letzten sechzig Jahren. Ein nützlicher Mann hat herausgearbeitet, warum Friedrich, diese Karikatur von einem Macher, genauso wie Mutti die Vorzüge totaler Überwachung hervorheben: Weil das Vorgehen der NSA von diversen Gesetzen komplett abgedeckt ist. Dass wir seit 45 kein souveräner Staat mehr sind, wußte so ziemlich jeder, dass amerikanische Behörden in Deutschland jederzeit de facto Artikel des Grundgesetzes aushebeln dürfen, ist schon eher "Neuland". Gesagt hat uns das auch keiner.







- In den Grad der Verquickung von Industrie und Geheimdiensttätigkeit. Dass ein Organ ursprünglich nationaler Interessen weltweit Industriespionage für landeseigene Konzerne treibt, ist sehr, sehr aufschlussreich. Hier ist nicht die Rede von einer kleinen Splittergruppe im Geheimdienst, die einem oder mehreren bestimmten Unternehmen zuarbeitet. Für das Ausmaß an Industriespionage, das hier abläuft, sind Zehntausendschaften von Mitarbeitern nötig.

- In eine Entwicklung der Gesetzlosigkeit vorgeblich gesetzmäßig arbeitender staatlicher Organe, deren Ausmaß alles übertrifft, was je da war. Die USA und ihre Ableger im nahen Osten sind dafür bekannt, nach Bedarf jedes Gesetz inklusive der eigenen Verfassung zu brechen, das ihre Interessen gerade behindert, über jede noch so perverse Doppelzüngigkeit zwischen ihrem Selbstverständnis als Verfechter von Freiheit und Demokratie und ihren aggressiven Ressourcen- und Landgewinnkriegen kommentarlos hinwegzusehen; aber das weltweite Ausspionieren privater, geschäftlicher, politischer und militärischer Kommunikation in den angeblichen Partnerländern, die unverhohlene Folter von Leuten, die über eigene Kriegsverbrechen aufklären und Episoden wie die erzwungene Landung von Evo Morales in Wien - ein *unglaublicher* Affront!, vielen Leuten ist scheinbar nicht bewusst, was es bedeutet, eine Person mit diplomatischer Immunität zur Landung zu zwingen und sein Flugzeug zu durchsuchen; und da schau her, ein spontaner Anruf aus den Staaten hat genügt, und Österreich war zu diesem Tabubruch bereit - weisen auf eine neokonservative Elite, die jegliches Arbeiten mit "soft skills" zugunsten reinen Machtgebrauchs aufgegeben hat und Kompromisse kategorisch ablehnt; dabei geht es und ging es niemals um Sicherheit allein, sondern um Macht.





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Sonntag, 30. Juni 2013
Traum 30


Um 3:24 Uhr, etwa eine Woche vorm Zweijährigen.

Ich befand mich an einer senkrecht abfallenden Felswand, die rings um ein Tal verlief. Im Tal floss ein breiter Strom, die Uferböschung war auf beiden Seiten von mannshohen Büschen und jungen Bäumen durchzogen; die Fluten liefen ruhig und klar in gleichbleibender Breite und Tiefe. Bei mir war meine kleine Schwester.

In die Felswand hineingeschlagen waren trottoirbreite, ungesicherte Wege, auf denen Menschen wandelten; allein, in Paaren oder Gruppen, es waren Familien, Verliebte und Einzelgänger, Alte und Junge beiderlei Geschlechts. Sie alle überblickten wie ein Ausflugsziel das Tal und seine Schönheit, blieben stehen, blinzelten in die Sonne, hielten die flache Hand über ihre Augen und unterhielten sich.







Ein Mann mit kurzem, schwarzem Kraushaar und vogelartig verkrümmten Beinen war unter ihnen: Es war der Tod, die Nase kurz und knochig, die lederartigen Wangen eingefallen, das Kinn lang und kantig, der Unterkiefer wie eine Baggerschaufel, die Augen nur winzige schwarze Punkte, die im Halblicht der tiefen Augenhöhlen linkisch hin- und herhuschten. Er mischte sich unter die Menschen, begleitete sie unauffällig ein Stück des Wegs und stiess von Zeit zu Zeit einen in die Tiefe, wenn dessen Blick sich gerade in der Ferne verlor. Meine Schwester und ich mieden ihn und suchten Sicherheit in größeren Gruppen; es schien, als hätten nur wir seine böse Absicht durchschaut, und wir waren stets auf der Flucht vor ihm, hielten es aber wohl für aussichtslos, die anderen vor ihm zu warnen.


Ich blickte auf die andere Seite des Tals, wo von den Wegen aus menschengemachte Höhlen in den Fels hineinführten. In den Eingängen dieser Höhlen lagen Steinhaufen, und Kinder rutschten diese Haufen hinunter. Ein Greis mit einem Schifferklavier saß wenige Meter vor mir auf einem Holzbalken, neben ihm ein Junge und ein Mädchen; er spielte Weisen und sang dazu, und die Menschen in der Nähe setzten sich zu ihm und sangen mit (im Traum kannte ich das Lied). Wir gesellten uns dazu, und ich verlor mich an die Musik.








Plötzlich stand nur wenige Meter vor mir der Tod, und während seine Augen leblos und unbeweglich auf mich gerichtet waren, deutete sein linker Arm auf einen weit entfernten Punkt im Tal: Gerade noch sah ich, wie meine Mutter schwerfällig und apathisch, besinnungslos vor drückendem Schmerz, in der Böschung verschwand und sich mit schlafwandlerischem Schritt dem Wasser näherte.

Ich sprang auf und stürmte ins Tal hinab, nicht enden wollende Serpentinenwege entlang und mächtige Treppenstufen hinunter, die sich während dem Laufen ins Kolossale weiteten und bis zu 10 Meter hohe Kanten annahmen - ich nahm gleich mehrere auf einmal - , stammelte im Laufen panisch vor mich hin, "nein, Nein, NEIN", als ich am Fuße der Felswand angekommen das Ufer leer erblickte, spurtete durch die Böschung und sprang kopfüber in den Fluss.







Algen, Tang und Schwebeteilchen verdeckten die Sicht. Ich tauchte, schnappte Luft und tauchte wieder, versuchte systematisch zu suchen, betäubt von der Angst, die Zeit, die nötig sei um zu ertrinken, sei bereits überschritten; mehrfach meinte ich im Halbdunkel zwei Beine zu erkennen, wo Dreck und Tang sich verdichteten, schlang meine Arme darum und griff ins Leere.

Als ich auftauchte, schwamm an der Oberfläche eine Flaschenpost.

Hier aufgewacht.



***



Obwohl derartige Träume nur noch halbjährlich auftreten - vorzüglich zu bestimmten Anlässen wie dem Jahrestag - und der Gedanke an die Nacht, in der sie starb, sofern oberflächlich gestreift, kaum noch unangenehm affiziert, habe ich mich immer noch im Verdacht, einer von denen zu sein, die ihre Wunden nicht heilen lassen wollen; vielleicht, weil die Rolle des leidenden Zurückgelassenen auf ein lange vorher schon angelegtes Selbstverständnis als unbemerkt ungerecht Leidender traf und diesem den äußeren Anlass verschaffte, sich endlich zu extrovertieren. Dabei extrovertiere ich mich gar nicht, ganz im Gegenteil - ich spreche, wenn überhaupt, dann nur mit Pold, Lester oder meinem Vater darüber, und falls Dritte das Thema ansprechen, kostet es mich wahrlich keine Selbstüberwindung, entspannt über den Tod meiner Mutter und ihr trauriges Leben zu sprechen, ganz ohne jegliches demonstrativ verkniffenes Heldenleiden, das geneigt wäre, mein Gegenüber heimlich zu mehr Mitleid und Nachsicht zu bewegen und bloß nicht meine Deutungshoheit über meine Gefühlchen und mein Gejammer anzugreifen.
(Menschen, die in der Opferrolle aufgehen, kotzen mich an. Es gibt keine fatalere Reaktion des sozialen Umfelds als die, jemanden langfristig in seiner Opferrolle zu bestärken, man kann damit jede Entwicklung zum Guten auf Jahrzehnte, sogar über die Dauer eines ganzen Menschenlebens, behindern. Das sind im Speziellen diese Arschgeigen, die sich als Beschützer von Opfern verschiedenster Traumata und Verluste aufspielen. Es muss erlaubt sein, eine schmerzvolle Erfahrung hinreichend durch Trauer zu verarbeiten; und es muss erlaubt sein, Menschen von dieser Trauer wieder wegzuführen, zurück auf einen lebensbejahenden Kurs, und es muss auch von ihnen gefordert werden, selbst auf diesen Kurs zurückzufinden. Warum? Weil es keine Kontinuität positiver Entwicklung gibt, wenn die Gründe dafür dem Betroffenen nicht transparent sind. Und transparent ist ihm nur, was er aus eigener Anstrengung gesponnen und durchdacht hat, nicht aber, was tausend Zünglein eifriger Selbsthilfehelfer ihm ins Ohr flüstern, die ihm Bequemlichkeit, Fürsprache und Zuneigung genau solange verschaffen, wie er darnieder liegt.)

Was bleiben wird, ist jenes: Als ich und meine kleine Schwester Kinder waren, sagen wir: Anfang der achtziger Jahre, befand meine Mutter sich am Beginn einer über zehn Jahre dauernden Phase schwerer seelischer Instabilität, und weite Teile unseres Kinderdaseins konzentrierten sich darauf, sie zu stützen - "to comfort her" ist mein bevorzugter Ausdruck - und den nächsten Zusammenbruch vorauszusehen bzw. zu verhindern; der dabei stattfindende Rollentausch tat sein Übriges, wir übernahmen Verantwortung für sie, nicht umgekehrt. Was wir tun konnten, war, ihr Leiden zu lindern, was wir nie geschafft haben, war, sie zu heilen, und womöglich, das glaube ich jedenfalls, hat uns das nachhaltig gefickt. Als sie viele Jahre später Krebs bekam - wir alle waren seit vielen Jahren schon ausgeflogen - waren wieder Lester und ich am Start, um sie zu pflegen, und sie litt schlimmer als je zuvor, und wir konnten sie wieder nicht retten; daher das ganze Gezeter mit den Träumen und so. Nehme ich an.

Ich rücke jedenfalls nicht davon ab; erfolgreiches Trauern heißt: gezielte Desensibilisierung (d.h. Abstumpfung: Einen schmerzhaften Gedanken so oft zu durchdenken, bis er nicht mehr wehtut) und Verbannung bestimmter Gedanken, sprich Verdrängung, Ablenkung - mit dem Resultat, einfach nicht mehr so oft an das Traurige denken zu müssen: das ist die eigentliche Bewältigung. Am Tod eines geliebten Menschens gibt es nichts zu überwinden: Es bleibt ein irreparabler Verlust, eine schreiende Ungerechtigkeit (denn der Tod greift gleichermaßen nach den Guten wie den Bösen), ein Schlag ins Gesicht aller Zuversicht und guten Hoffnung, deren Prämissen man immer still und heimlich vorausgesetzt hat. Whatever, das Leben ist trotzdem - oder völlig abgesehen davon? - schön. Das Leben ist schön.




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Dienstag, 30. Oktober 2012



Nahezu jede Frau - das im Folgende zu benennende Phänomen ist nicht auf ein Geschlecht festgelegt, Frauen seien hier nur beispielhaft verstanden, weil sie in mir in besonderem Maße Erwartungshaltungen und Sehnsüchte auslösen - ist genau so lange aufregend, solang ich sie nicht anspreche und näher kennenlerne. Die Beobachtung reiner Äußerlichkeiten wie Schönheit, Bewegung und Körperspannung lässt die verlockendsten Schlüsse auf das Innere der Gestalt zu, ruft bislang übermenschliche Vorstellungen ins Leben; und nur wenige dumme Worte aus einem aufregenden Mund können diese in Sekunden verpuffen lassen.   Wenn dir daran liegt, jemanden auf ewig zu überhöhen und hochzuhalten - und es gibt durchaus intrinsische Gründe, so etwas zu tun - dann halte dich von ihm fern.


Es gibt in meinem Kopf noch immer zwei, drei Personen, die ich beinahe völlig idealisiere; zwei männliche, deren Bekanntschaft in eine frühkindliche Phase fiel, in der ich aus Gründen vorübergehender Vaterentbehrung mächtig auf der Suche nach Identitätsvorlagen war. Nehme ich an. Wer kann schon behaupten, Ursprung und Ziel dieser Vorgänge aus der Rückschau begriffen zu haben; und eine Frau, deren herausragendes Merkmal neben ihrer Klugheit und Schönheit - sie war vorher oder wurde mein Archetyp - der Umstand war, daß sie über Musik, meine Musik, an mich herantrat und in mir die fromme Verheißung weckte, mich über dieselbe jemandem nähern zu können.

Was ansonsten zwei der drei Fälle anbelangt:

Ihr Ideal ist bis heute unwiderlegt, und mein Verhältnis zu ihnen sehr ambivalent. Zum Einen erfüllt mich der Gedanke an ihre Ausstrahlung mit Ehrfurcht und Schwärmerei. Sie sind, wenn auch nur in einer durch Sehnsucht, Phantasie und Nostalgie völlig verfälschten Rückschau auf frühere Jahre, lebendige Zeugnisse einer Größe, der ich mich selbst nähern möchte, so weit ich zurückdenken kann, und ohne sie - als eine Art lebendigen Beweises der Möglichkeit, so zu werden - verlöre ich jede Hoffnung darauf, jene vermeintlichen Anteile von mir, die ich in ihnen verkörpert anzutreffen glaube, am Leben erhalten zu können.     Ich brauche das, denn ich fühle mich umgeben von schwachen Menschen. Unsouverän, fremdbestimmt, von hierarchischen Instinkten geleitet, empathieunfähig und fehlbar; schwach in ihrer Fähigkeit, sich selbst zu entlarven, schwach in ihrer moralischen Integrität, schwach, sich ihren Weg durch das Leben zu bahnen und die Rücksichtslosigkeit ihrer Mitmenschen angemessen auszutarieren, unfähig, zwischen ihrer geistigen Welt und ihren seelischen Vorgängen zu differenzieren. Die, die ich liebe, liebe ich vielenteils wegen ihrer Schwächen - vor allem denen, in welchen sie mir gleichen - , aber sie sind keine Ideale im relevanten Sinne. In puncto Selbstentlarvung kenne ich niemanden, der sich nicht zu gewissen Teilen selbst bescheisst oder zumindest unfähig ist, die treibenden Kräfte hinter seinem Handeln auszumachen; in puncto moralische Integrität ist vielleicht - Herbert Wehner? - stehengeblieben. Den ich ja gar nicht kenne. Und er litt unter schweren Schuldgefühlen, was seinen Idealstatus schwächt, nicht aber die Aufrichtigkeit seiner Härte gegen sich selbst.






Hier ist ein unwiderlegbares Ideal. Anhören, dann nochmal, Pause machen und nochmal hören. Morgen wieder zweimal anhören, dazwischen Pause machen. Es ist kein extrem anspruchsvolles musikalisches Gebilde, aber man erschließt sich die Schönheit eines Stücks dadurch, daß man es auswendig lernt; man muss es im Kopf von Anfang bis Ende durchsingen können; nur wer die Abfolge der Akkorde vorhersagen kann, kennt ihre Beziehungen untereinander - und kann in erfüllten Erwartungshaltungen schwelgen. Er ist bezaubernd schön, mein gegenwärtiger Ohrwurm, und wer ihn sich erschließt, dessen Leben wird dadurch bereichert - I promise. As far as I am concerned, it's all about a landscape like this, and the feelings you have while being there.





Zum Anderen schrecken und treiben sie mich, aus zwei möglichen, sich einander ausschließenden Ausgängen, die eine Begegnung mit sich bringen könnte:

1. Wiederkehrende Erfahrung zeigte, daß sich ausnahmslos jede/r, die/den ich zuvor idealisierte, nach nur kurzem näherem Hinsehen als schwaches Wesen entpuppt. In der Regel genügen ein, zwei Minuten Konversation, bis ich eine Schwäche, einen Selbstbetrug, eine fatale Ignoranz, Abstrusität, Langweiligkeit, intellektuelle Verödung oder emotionale Sprödigkeit, kurz, irgendein ein Defizit feststelle, das mich enttäuscht und mein Interesse abtötet, so daß ich dankbar und froh bin, schnell wieder zu enteilen. Und welchen Grund hätte ich zur Annahme, daß es sich bei besagten zwei Personen anders verhalten sollte? Ihnen durch Zufall zu begegnen wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Ende des von ihnen verkörperten Ideals. Aber ich brauche dieses Ideal. Es ist mein mit eitler Hingabe gepflegter Nimbus eines besseren Ichs, und etwas flüstert mir zu: Es müsse auf der Welt Andere geben, die dieses Ich verstehen und mit mir teilen, weil sie gleich sind - sonst lohne es gar nicht, an ihm noch festzuhalten.

2. Sie zeigen mir meine Schwäche, meine Gebrechen, meinen schier unüberwindbaren Rückstand auf; der Abgrund zwischen meinem Wunschbild und meinem wahren Ich (er ist mir bekannt; aber ist eine Sache, um ihn zu wissen, und eine andere, ihn zu spüren) wird mir im Angesicht ihres Lichts - ihrer Souveränität, ihrer heiteren Unbeschwertheit, ihrer scheinbar mühelosen Gewandtheit in allen Belangen des Lebens - mit einem Schlag eröffnet. Ich bin auf derartige Erfahrungen (sie haben in bedingter Form schon stattgefunden) nicht scharf. Sie sind nicht motivierend, sich zu verbessern, sondern niederschmetternd.




Es sind nur noch die zwei, denn einen der ehemals drei - er weiß nicht und wußte nie, was er mir bedeutet - habe ich viele Jahre (25?) später wiedergetroffen. Morgens, beim Brötchenkauf, ein zweiminütiges Gespräch entfaltete sich, wir hatten es beide eilig, es gab wenig Zeit, ihn zu durchleuchten, aber es verbot sich von selbst: Zwischen der Aura, die ich über Jahre hinweg aus der Erinnerung reproduzierte und in sein Bildnis investierte, und dem Ereignis, ihn in Fleisch und Blut zu erleben und anzusprechen, ergab sich kein Widerspruch. Er hat das Ideal bestätigt. Ich bin weit davon entfernt, ihm jemals mitzuteilen, durch wie viele meiner Träume und Träumereien er in all den Jahren geisterte und mir Sehnsüchte bestimmte, ihm gleich zu werden. Aber sein Fall ist einzigartig, es wird nie wieder passieren.

Es scheint mir also durchaus nicht unklug, den anderen beiden weiterhin zu begegnen wie Detlef Spinnell den Frauen: Sie aus der Sicherheit der Ferne phantastisch zu verklären und anzuhimmeln, ohne ihnen jemals in ihre klaren Sternenaugen sehen zu müssen. Solange sie nicht wissen, was sie mir bedeuten und wie erheblich ihr Potential ist, mich zu verletzen, brennt mir nichts an. Ich halte mich redlich fern von den Sphären, innerhalb derer sie sich bewegen, will sie nicht sehen und nicht wissen, denn schon das Eintippen eines Namens in das Feld einer Suchmaschine bringt sanfte Adrenalinstöße hervor und lässt Hände zittern.


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